Glosse des Monats

Wenn du nicht weisst, was als nächstes passiert, hast du eine gute Chance, dass es der Leser auch nicht erraten kann.
Stephen King


Ein kleines Sonntags-Quiz zu den frischen Gipfeli und dem Orangensaft: Wer hat den Cliffhanger erfunden?

Sie wissen schon, was ich meine: diesen Erzählertrick, seinen Helden zum Schluss eines Buchkapitels, einer Filmszene oder einer Serienepisode in eine scheinbar so aussichtslose Situation zu bringen, dass der Leser (oder Zuschauer) unbedingt wissen will, wie die Geschichte weitergeht. Und deshalb weiterliest oder die nächste Folge der Serie einschaltet.

Also, wer war’s?

a) Edgar Wallace, auf dessen Buchumschlä­gen stand, es sei unmöglich, von ihm nicht gefesselt zu werden?

b) The master of suspense Alfred Hitchcock?

Oder c) jemand ganz anderes?

Wenn Sie Antwort c angekreuzt haben, sind Sie schon mal in der nächsten Runde und haben, wie es in Werbeflyern immer so schön heisst, die Chance, den Hauptpreis zu gewinnen. Sie müssen dazu noch nicht einmal eine Rheumadecke bestellen, sondern nur den Namen des tatsächlichen Erfinders dieses literarischen Tricks nennen. Und das Erscheinungsjahr des allerersten Cliff­hangers.

Es war überraschenderweise schon 1873, und es hing jemand ganz wörtlich an einer Klippe.

Der englische Autor Thomas Hardy hatte den Auftrag angenommen, für die Zeitschrift Tinsleys’s Magazine einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Er hiess A Pair of Blue Eyes, und am Ende eines Kapitels liess Hardy seinen Helden über den Rand einer Klippe stolpern und nur noch an den Fingerspitzen über dem Abgrund hängen.

(Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe von Tinsley’s Magazine. Wenn Sie noch nicht Abonnent sind, sollten Sie es dringend werden.)

Wie im braven viktorianischen Zeitalter gar nicht anders möglich: Einen Monat später wurde der Held am Anfang des nächsten Kapitels gerettet. Man hätte diesen glücklichen Ausgang schon an seinem Namen ablesen können. Kein Autor der Welt lässt eine Figur mit dem schönen Namen Knight vor dem Happy End wegsterben. (Die Heldin, die ihn rettet, hiess übrigens Elfride. Ohne i-e.)

Thomas Hardy schrieb vierzehn Romane, jede Menge Kurzgeschichten und an die tausend Gedichte. Aber die literarische Unsterblichkeit und einen Platz im Wörterbuch hat er sich mit einer einzigen Szene gesichert, eben mit dem originalen Cliffhanger.

Wenn Sie es gewusst haben, haben Sie folgenden wertvollen Preis gewonnen:

(Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe von Bücher am Sonntag. Wenn Sie also noch nicht Abonnent sind…)

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. Juni 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Und die ersten vier Dutzend können Sie jetzt
in einem Buch nachlesen.

Zufälle gibt’s…

In meinem Roman „Kastelau“ behaupte ich in einer Fußnote, die Dokumente, deren Montage das Buch ausmacht, in der Filmbibliothek der UCLA in Los Angeles gefunden zu haben. Als Adresse der Bibliothek gebe ich 302 East Melnitz an.

Viele Leser (auch professionelle) glaubten darin eine Insider-Pointe entdeckt zu haben, einen versteckten Hinweis auf meinen Roman „Melnitz“. Manche leiteten daraus sogar eine ganze Theorie über mein Humorverständnis ab. Zum Teil hochinteressant – aber leider falsch. Die Bibliothek befindet sich tatsächlich an dieser Adresse.

Ich bin der Sache nachgegangen und habe folgende unwahrscheinliche Zufälle entdeckt: Die Filmabteilung der UCLA ist in einem Gebäude namens „Melnitz Hall“ angesiedelt, benannt nach Professor William Wolf Melnitz, der diese Fakultät viele Jahre geleitet hat. Dieser William Wolf Melnitz, im Jahr 1900 in Köln geboren, war in Deutschland ein erfolgreicher Dramaturg und Regisseur, bis er vor der Nazi-Diktatur aus dem Land fliehen musste. Das Visum für Amerika besorgte ihm sein Onkel Curtis Melnitz, der bei United Artists als Produzent arbeitete und einige Jahre auch für deren Europageschäft zuständig war.

Und dieser Curtis Melnitz wiederum, als Kurt Chmelnitzki geboren, war ein entfernter Verwandter meiner Familie und soll, wie mir meine Großmutter erzählte, im Jahr 1938, vor seiner endgültigen Ausreise, bei ihnen in Leipzig aufgetaucht sein, um zur sofortigen Flucht aus Deutschland zu raten.

Die Zufälle gehen noch weiter: Diese Familiengeschichte, die ich als kleiner Junge hörte, war der Auslöser, aus dem viele Jahre später die Figur des untoten Melnitz entstand, der einem meiner Bücher den Namen gab.

So dass hinter der Adresse East Melnitz tatsächlich eine Insider-Story steckt. Nur eine ganz andere, als man vermuten würde.

Fürchtet euch nicht, ich bin es

Wenn man für ein Pressebild vor der Linse eines Fotografen steht, kommt früher oder später die Aufforderung: „Stellen Sie sich ins Profil und drehen Sie den Kopf zur Kamera.“ Trotz der immer gleichen Posen sehen die Bilder, je nach Fotograf, ganz verschieden aus, und weil sie alle gefühlte zehntausend Mal auf den Auslöser drücken, ist die Chance ganz gut, dass einem das Endprodukt auch einigermaßen ähnlich sind.

Bei Zeichnungen wird das schon schwieriger. Der Zeichner hat einen nie gesehen und was er in der Fotografie, die man ihm hingelegt hat, zu erkennen glaubt, ist einem nicht immer wirklich ähnlich. Diese Zeichnung zum Beispiel stellt nicht, wie mein Sohn behauptet, den berühmten Revolutionär Mao Tse Winsky dar, sondern tatsächlich mich. Sie erschien in der Literaturbeilage des holländischen „Het Parool“
www.parool.nl

Das Startup-Unternehmen
„Brotseiten“ hat eine wie mir scheint brillante Geschäftsidee: Sie liefern für Pendler gute Literatur in akustischer Form, und zwar in Häppchen, die gerade lang genug sind, um die langweilige Fahrt im Auto oder in der S-Bahn ein bisschen angenehmer zu machen. Ich hoffe, sie kommen beim Hörer ein bisschen ähnlicher an als die Zeichnung aus ihrer Website bei mir.

Für die Wochenzeitschrift
"tachles"scheine ich vor allem unrasiert zu sein. Vielleicht hat das ja etwas mit der Stachligkeit der Glossen zu tun, die ich dort manchmal veröffentliche.

Auch die „Basler Zeitung“ hat einen Zeichner engagiert, um ein Interview zu illustrieren. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Mit welchem dieser Bilder soll ich mich identifizieren?
(Zeichnung Kristof Luyckx / Shop Around)

Am meisten gefreut habe ich mich über die Karikatur von André Carrillho der für „Bücher am Sonntag“ seit der ersten Ausgabe jeweils einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin für die Titelseite karikiert. Mehr von seinen Arbeiten können Sie hier sehen
andrecarrilho.com


Rezept gefällig?

Der „Beobachter“ lebt, wie so viele andere Zeitschriften, im Irrglauben, dass Promis alles können – also auch kochen. Folglich hat er mich für die entsprechende Rubrik um mein bestes Rezept gebeten. Und das möchte ich den Besuchern meiner Homepage nicht vorenthalten. Guten Appetit!

Gefülltes Perlhuhn «Lewinsky»
Zutaten für 4 Personen:
1 Perlhuhn

für die Füllung:
6 Schalotten,
5 Knoblauchzehen,
frische Kräuter (Rosmarin, Salbei, Schnittlauch),
12 entsteinte Datteln,
2 Deziliter Noilly-Prat,
2 Esslöffel Olivenöl,
Salz, Pfeffer,
2 Teelöffel Schwarzkümmel,
1 Prise Lebkuchengewürz,
1 Prise Kardamom,
1 Teelöffel Chilipfeffer,
1 Hand voll schwarze Pfefferkörner;

als Beilage:
Bohnen

Zubereitung der Füllung:
Die Schalotten, den Knoblauch, alle Kräuter und die Datteln fein hacken und in eine Schüssel geben. Die Hälfte des Noilly-Prat, das Olivenöl und die Gewürze daruntermischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Weiteres Vorgehen:
Zwei Drittel der Mischung in den Bauch des Perlhuhns füllen. Mit dem Rest das Huhn aussen einreiben. In einen Bratbeutel legen. Die zweite Hälfte des Noilly-Prat sowie die Pfefferkörner dazugeben. Den Beutel zubinden und mit einer Stecknadel oben einige Male einstechen. In den auf 200 Grad vorgeheizten Ofen geben und 15 Minuten anbraten. Die Hitze auf 60 Grad reduzieren und das Perlhuhn mindestens weitere drei Stunden garen. Unterdessen die Bohnen blanchieren und beiseite stellen. Vor dem Servieren den Bratbeutel öffnen, die Sauce in einer Pfanne auffangen und die Bohnen kurz darin aufkochen.

Was man im Internet nicht so alles findet…

Jeder Mensch, der neugierig ist – und ich bin sehr neugierig – googelt regelmäßig den eigenen Namen. Und da findet er dann die seltsamsten Dinge. In der New York Times vom 4. April 1884 (also in den ganz frühen Tagen des Internets…) habe ich einen Artikel über einen Namensvetter von mir entdeckt, den man glatt zur Grundlage eines Romans machen müsste. Oder zumindest einer Kurzgeschichte. Oder vielleicht packe ich ihn doch lieber nur auf meine Website, damit Sie sich mit mir amüsieren können. Hier ist er:


Letzte Aktualisierung: Mai 2016
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