Frankfurter Allgemeine Zeitung

Heiliger Johannes, rette dich selbst
Provinz-Revolution:
Charles Lewinskys Roman "Johannistag"

Wenn binnen Jahresfrist Herrscher stürzen und Reiche implodieren, versagt das übliche Zeitmaß. Auch das Dorf Courtillon ist Schauplatz einer solchen Revolution gewesen, die von August bis Juni währte. Erst die Chronistenpflicht eines deutschen Gymnasiallehrers macht sie der Welt bekannt.

Der „deformierte Professionelle“ kam in die südfranzösische Provinz als ein Fremder. Er hoffte, von ihr gerade so kurz unterhalten zu werden, wie im Wartezimmer ausgelegte Zeitschriften die Patienten unterhalten. Fremd aber konnte der Gast in seinem unvollendeten Steinhaus nur bleiben, solange er Kontakt mit der Heimat und der jungen Frau hielt, die allein jene ausmacht. Als ein Brief diese Verbindung endgültig kappt, wird aus dem Fremden ein Chronist und aus der Chronik wieder "meine eigene Geschichte, verdreht und verrenkt". Das winzige Dorf weigert sich, dem Fliehenden die ersehnte Ablenkung zu bieten. Statt dessen kehren die Erfahrungen des Lehrers wieder auf den Gesichtern und in den Lügen der Leute von Courtillon.

Seit die fünfzehnjährige Valentine aus dem Fenster sprang und ihre Mutter den Nachbarn des Lehrers, Jean Perrin, mit dem sie vor vier Jahren ein kurzes Verhältnis hatte, lautstark zum Schuldigen erklärte, "scheinen die Uhren schneller zu laufen". Valentine, eine fallsüchtige Kettenraucherin mit Engelsgesicht, verbindet sich bald darauf durch ein sadomasochistisches Ritual nebst Blutschwur mit zwei Jungen aus dem nahe gelegenen Erziehungsheim, damit diese Jean verprügeln. Wenig später wird die älteste Bewohnerin des Dorfes ermordet, und Jean versucht den Bürgermeister zu erpressen. Diese Verbrechen rühren an Courtillons Vergangenheit während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Dass dem Lehrer kurz nach seiner Ankunft eine Begebenheit aus dem neunzehnten Jahrhundert erzählt wurde, „als ob sie sich gestern ereignet hätte“, war ein Vorbote solch revolutionärer Zeitenkollision.

Der namenlose Pädagoge zog unfreiwillig in die „Sandkastenwelt“. Das „Dorf der alten Leute, die sich ihre Erinnerungen um die Schultern legen wie warme Mäntel“, nimmt einen zwangspensionierten Frührentner auf. Hätte dessen Liebe nicht einer minderjährigen Schutzbefohlenen gegolten, wäre Courtillon weiterhin unter sich geblieben. Nun jedoch leckt ein Langzeitgast seine Wunden und pflegt seine Eitelkeit inmitten einer ähnlich deformierten Umgebung. Der 319 Seiten lange Brief, gerichtet an das Mädchen, an sich selbst und endlich an die Nachwelt, ist Lobgesang und Nekrolog in eigener Sache. Viel hält der Ich-Erzähler sich zugute auf seine Amour fou und auf die akademische Intelligenz. Am Selbstmitleid berauscht er sich wie an der französischen Sprache, die etwa, wörtlich übersetzt, einen Dietrich Nachtigall nennt, eine Halskrause nach der Göttin der Weisheit bezeichnet und von einem guten Wein sagt, er „geht runter wie ein kleiner Jesus im Samthöschen“.

Die Dorfgemeinschaft erscheint dem Einzelgänger von Tag zu Tag deutlicher als eine Variante der eigenen Psyche. Mademoiselle Millotte, die mit ihrem „altersfleckigen Vogelgesichtchen alles sieht und nichts vergisst“, will ihre kleine Welt überschaubar halten. Deshalb spielt sie dasselbe „Zusammensetzspiel“ wie der nicht minder neugierige Lehrer, der Detail um Detail aneinanderreiht, damit die Lösung zugleich über ihn selbst Auskunft gebe.

Perrin, ein hauptberuflicher Bastler und Tagträumer, wohnt nicht zufällig dem Lehrer am nächsten. Sein Geburtstag fällt mit dem des Täufers zusammen, der deshalb Saint Jean gerufene Familienvater ist die travestierte Abart des Lehrers. Der heilige Johann redet viel, er sammelt Worte mit derselben Leidenschaft wie Werkzeuge oder Holzscheite, da nur Dinge Gewissheiten schenken. Vor allem aber kämpft er für seine Heimat, will die Ansiedlung eines Kieswerks verhindern und schreckt selbst vor Erpressung nicht zurück.

Der Kampf, den Jean ficht, ist ganz nach des Lehrers Geschmack. Nie, so schreibt er, dürfe das Paradies am Flussbegradigt oder trockengelegt werden, nie die kapitalistische Ordnung das schöne Chaos verdrängen, nie auch dürften die kommerziellen Interessen des Weinhändlers Bertrand, der „lacht, als ob er es in einem Kurs gelernt hätte“, das letzte Wort behalten. Genauso aber kommt es. Jeans doppelter Einsatz, seinen guten Ruf trotz Valentines Fenstersturz zu behalten und das Flussidyll vor den Baggern zu retten, war vergeblich. Der Lehrer notiert die Niederlage Jeans mit der routinierten Melancholie dessen, der seine Feigheit folgenlos durchschaut. Selbst die bisher letzte Spur aufklärerischen Furors fehlt, die unverdrossen repetierte Rede von der Maschine Mensch und ihren erfundenen Religionen, verleugneten Wahrheiten. Der Chronist, der ein Fremder war, ist ein Mitschuldiger geworden.

Der Zürcher Drehbuchautor und Regisseur Charles Lewinsky hat 1991 einen zynischen „Fernseh-Roman“ und sechs Jahre danach den „Roman einer Talkshow“ veröffentlicht. Beide ließen ein derart fulminantes Werk wie dieses nicht erwarten. Zwar funktioniert darin die Spannungsdramaturgie lehrbuchmäßig, manchmal auch knirscht die mechanische Abfolge von Liebesleid und Spürsinn eher, als dass die biographische Rückschau das fremde Jetzt erhellte. Doch weisen die leichtfüßige Beschreibung eines Dutzends durchweg unverwechselbarer Charaktere auf engstem Raum und die von Trauer grundierte Deutung ländlicher Ausnahmezustände Lewinsky als einen sprachmächtigen und klugen Romancier aus. Zudem ist die Kapitulation des Lehrers vor seiner idealisierten Vergangenheit ein Abgesang auf jene Generation, die Revolutionen erhoffte und Selbstgerechtigkeit erntete.

Alexander Kissler


Neue Zürcher Zeitung

Charles Lewinskys „Johannistag“

Hierzulande kennt jedes Kind den in Zürich lebenden Charles Lewinsky als Autor der Freitagabend-Sitcoms „Fascht e Familie“ und „Fertig luschtig“. Selbstverständlich ist dieser Erfolg ein zweischneidiges Schwert. Zwar hat der 54-jährige Zürcher Regisseur, Dramaturg und Theaterautor mit den satirischen Romanen „Mattscheibe“ (1991) und „Schuster!“ (1997) bewiesen, dass auch (oder gerade) ein Quotenmatador die Fernsehindustrie mit beißendem Spott vorführen kann; doch traut man ihm ein Werk zu, das über das Kalkül geistvoller Unterhaltung hinausgeht? „Johannistag“, Lewinskys dritter Roman, ist eine Überraschung. Er zeigt den Autor als sensiblen, umsichtigen und eigenständigen Erzähler auf dem Weg zur großen Form.

„Die Welt ist tausend Schritte lang.“ So beginnt der Ich-Erzähler seinen Bericht aus Cartillon, einem verschlafenen südfranzösischen Straßendorf, dessen Personal er mit Simenon'schem Strich zeichnet: präzis, atmosphärisch dicht, ohne Hast, doch auch ohne Umständlichkeiten oder Manierismen. Den ehemaligen Richter Brossard, „noch aus dem 19. Jahrhundert“, wie er kokett sagt, und seine Frau, die stets nach dem „fond de teint“ riecht, den sie sich aus Paris schicken lässt, den Bahnwärter Charbonnier, der immer noch Bahnwärter heißt, obwohl hier seit dreißig Jahren kein Zug mehr gehalten hat, den jovialen Karrieristen Ravallet, der zwei halbe Stunden pro Woche als blaurasierter Bürgermeister amtet, Mademoiselle Millotte, eine so gebrechliche wie kokette Greisin, die in einem Puppenhaus voller Erinnerungen lebt - diese und ein Dutzend weiterer Figuren vergisst man nicht mehr. Zunehmend gebannt findet man sich im Kosmos dieses Dorfes, in dem jeder jeden zu kennen scheint und in dem doch jeder mehr weiss, als er sagt.

Wer aber spricht? Ein Fremder ist es, der sich hier niedergelassen hat. Er richtet das Wort an eine Frau, die ihm abhanden gekommen ist. Mit lustigen und nachdenklichen, zärtlichen und zornigen Briefen umwirbt er sie. Erst im Lauf des Buches erfährt der Leser, wer sie ist: seine große Liebe, Schülerin des deutschen Gymnasiums, an dem er Französischlehrer war; die Affäre hat ihn sein Amt gekostet. Nun ist er hier und beschwört sie, nachzukommen. Wird auch sie alles hinter sich lassen? Er hofft und schreibt und hofft, bis ihr Psychologe ihm mitteilt, er möge im Interesse seiner Klientin doch von weiteren Zudringlichkeiten absehen. „Bitte, sieh es ein“, hat sie daruntergeschrieben. Das ist das Ende. Mit der Hilfe von Jojo, dem Dorfidioten, montiert er die Räder seines Autos ab und wirft sie in den Fluss.

Nun, da er zu Ende ist mit allen Träumen, will er sich ganz auf die interesselose Beobachtung des Dorflebens zurückziehen. In dem brodelt es, seit der Gemeinderat sich über der Frage, ob er den Bau eines Kieswerkes und eines Campingplatzes zulassen soll, entzweit hat. Der Hader bringt alte Geschichten, die bis in die Tage der Résistance zurückreichen, wieder zum Vorschein: Geschichten von Treue und Verrat, Ehebruch und Kindsmissbrauch. Hier zeigt sich die Kehrseite der Dorfidylle: die Hölle eines geschlossenen Systems der Erinnerung und Vergeltung, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Lewinsky hat die verzweigten Handlungsstränge zu einem komplizierten, aber plausiblen Knoten geschürzt, den er auch überzeugend löst. Handwerklich ist an seinem Buch nichts auszusetzen; sprachlich und dramaturgisch ist es fast allem, was die Schweizer Literatur in den letzten Jahren an Kriminalromanen hervorgebracht hat, überlegen. Doch damit ist das Potenzial dieses Autors nicht erschöpft. Was er wirklich kann, zeigen die ersten 90 Seiten von „Johannistag“ - bevor der Plot das Kommando übernimmt und die Textur vergröbert, indem er die Details funktionalisiert. Lewinskys Kunst der Schilderung käme auch ohne Indizienketten, ohne ausgeklügelte Rätsel, ohne telegenen Showdown aus. Die tausend Schritte Welt, mit seinen Augen gesehen, wären vollauf genug.

Manfred Papst

Leseprobe
»Johannistag«

Zurück
Übersicht »Johannistag«
Übersicht Bücher


Letzte Aktualisierung: Juni 2006
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.