Zum Reisen gehört Geduld, Mut, Humor und dass man sich durch kleine widrige
Zufälle nicht niederschlagen lasse.
Adolph, Freiherr von Knigge
Sie haben gut reden, Herr Knigge. Sie mussten sich nur tagelang auf
holprigen Straßen in der Postkutsche durchrütteln lassen. Schlimmstenfalls
brach die Achse oder Sie wurden von Wegelagerern ein bisschen überfallen und
ausgeraubt. Während wir…
Da sass ich doch tatsächlich in einem Flugzeug, in dem zwischen mir und dem
Rücksitz meines Vordermannes kein Platz mehr für ein Buch war. Kein Platz
für ein Buch! Und ich spreche nicht vom Grossen Brockhaus oder Goethes
sämtlichen Werken. Ein ganz bescheidenes kleines Taschenbuch hatte ich mir
auf die Reise mitgenommen, und konnte es jetzt nicht lesen, weil der
Flugzeugkonstrukteur der irrigen Meinung gewesen war, er arbeite für die
Fluggesellschaft von Liliput.
Vielen Dank für den Vorschlag, Herr Knigge, aber, nein, es half auch nichts,
wenn man das Buch schräg hielt. Weil die Beleuchtung in der Maschine so
geschickt konstruiert war, dass man dann wieder die Buchstaben nicht
erkennen konnte. Der Konstrukteur hatte wohl gedacht, die Liliputaner, für
die er arbeitete, seien alles Analphabeten, die sowieso keine Bücher lesen.
Noch nicht einmal die von Jonathan Swift.
Ein Flugzeug, in dem man nicht lesen kann! Das ist eine Katastrophe, Herr
Knigge! Wir Heutigen reihen uns klaglos in die lange Schlange vor dem
Check-In-Schalter ein und beschweren uns auch nicht, wenn wir nach einer
halben Stunde Anstehen nur noch den ungeliebten Mittelsitz abkriegen. Wir
nehmen es hin, dass man uns bei der Sicherheitskontrolle die Nagelfeile
beschlagnahmt, weil wir ja Terroristen sein könnten. Wir lassen uns tapfer
das Aktenköfferchen unseres Nachbarn in die Rippen bohren, wenn mal wieder
doppelt so viele Menschen in den Zubringerbus gequetscht werden, als darin
Platz haben. Wir lächeln höflich, wenn wir im Flugzeug zwischen zwei
überquellenden Sumo-Ringern eingeklemmt werden. Das sind, wie Sie so richtig
sagen, Herr Knigge, alles nur kleine widrige Zufälle.
Aber wenn wir keinen Platz mehr für ein Buch haben, dann helfen Geduld, Mut
und Humor nicht weiter. Dann werden wir zu Berserkern. Und wenn wir dann die
Ersatznagelfeile aus ihrem Versteck holen und damit den Piloten zur
sofortigen Landung zwingen, dann werden auch Sie dafür Verständnis haben,
Herr Knigge.
In Gefängniszellen kann man wenigstens lesen.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27.Januar 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
