Glosse des Monats Januar 2009

Nicht über dieselben Witze zu lachen
belastet eine Beziehung sehr.
George Eliot


Ist Ihnen das auch schon passiert?

Da hat man das unverzeihlichste aller eidgenössischen Verbrechen begangen. Nein, nicht den Abfallsack am falschen Tag vors Haus gestellt. Viel schlimmer: man hat im Ruhewagen der SBB laut gelacht. Alle die verhinderten Bibliothekarinnen, die dort mit Vorliebe mitfahren, haben einen vorwurfsvoll angesehen und „Pscht!“ gemacht. Und das alles nur, weil das Buch, das man als Reiselektüre eingepackt hatte, so komisch war. So umwerfend, unwiderstehlich, zwerch fellerschütternd komisch.

Und dann, weil man ein solches Vergnügen doch gern mit jemandem teilt, hat man dieses Buch einem Freund in die Hand gedrückt und gesagt: „Das musst du unbedingt lesen! Du wirst dich köstlich amüsieren!“

Und dann trifft man diesen Freund wieder, ein paar Tage oder Wochen später, und fragt ihn, wie ihm das Buch gefallen habe.

Und dann sagt er: „Na ja.“

Einfach so: „Na ja.“ Und schaut einen an, mit diesem sanft mitleidigen Blick, den wir für Leute aufsparen, die von uns erwarten, dass wir ihre selbstgebackenen Salzteigskulpturen bewundern. Mit diesem Blick, der sagt: „Hoffentlich ist es nicht ansteckend.“

Und hat das Buch überhaupt nicht komisch gefunden. Noch nicht einmal die Stelle, über die man im Ruhewagen so verboten laut gelacht hat.

Und dann redet man eben vom Wetter.

So geht es mir immer wieder mit den Büchern von P.G. Wodehouse. Mit diesen so wunderbar albernen Geschichten von Psmith und Ukridge und von Lord Emsworth, dem fanatischen Schweinezüchter. Mit den so herrlich sinnlosen Abenteuern von Bertie Wooster, der sich pausenlos aus Versehen verlobt, und vom Gentleman’s personal Gentleman Jeeves, der ihm immer aufs Neue aus der Patsche hilft und dabei Klassiker zitiert.

Wenn ich irgendwo auf einen ungelesenen Wodehouse stosse, freue mich jedes Mal wie ein Kind im Spielzeugladen. Zum Glück hat er im Lauf seines langen Lebens fast hundert Bücher geschrieben. Und für die Fähigkeit, Pointen so perfekt formulieren zu können, würde ich meine Seele dem Teufel verschreiben.

Aber wenn ich dann meinen Freunden von Wodehouse vorjuble, sehen sie mich nur nachsichtig an und sagen: „Naja, wenn du das magst…“

George Eliot hat recht: So was belastet eine Beziehung sehr.

Und Kollege Goethe hat es auf den Punkt gebracht: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“


Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Januar 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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