Nicht über dieselben Witze zu lachen
belastet eine Beziehung sehr.
George Eliot
Ist Ihnen das auch schon passiert?
Da hat man das unverzeihlichste aller eidgenössischen Verbrechen begangen.
Nein, nicht den Abfallsack am falschen Tag vors Haus gestellt. Viel
schlimmer: man hat im Ruhewagen der SBB laut gelacht. Alle die verhinderten
Bibliothekarinnen, die dort mit Vorliebe mitfahren, haben einen vorwurfsvoll
angesehen und „Pscht!“ gemacht. Und das alles nur, weil das Buch, das man
als Reiselektüre eingepackt hatte, so komisch war. So umwerfend,
unwiderstehlich, zwerch fellerschütternd komisch.
Und dann, weil man ein solches Vergnügen doch gern mit jemandem teilt, hat
man dieses Buch einem Freund in die Hand gedrückt und gesagt: „Das musst du
unbedingt lesen! Du wirst dich köstlich amüsieren!“
Und dann trifft man diesen Freund wieder, ein paar Tage oder Wochen später,
und fragt ihn, wie ihm das Buch gefallen habe.
Und dann sagt er: „Na ja.“
Einfach so: „Na ja.“ Und schaut einen an, mit diesem sanft mitleidigen
Blick, den wir für Leute aufsparen, die von uns erwarten, dass wir ihre
selbstgebackenen Salzteigskulpturen bewundern. Mit diesem Blick, der sagt:
„Hoffentlich ist es nicht ansteckend.“
Und hat das Buch überhaupt nicht komisch gefunden. Noch nicht einmal die
Stelle, über die man im Ruhewagen so verboten laut gelacht hat.
Und dann redet man eben vom Wetter.
So geht es mir immer wieder mit den Büchern von P.G. Wodehouse. Mit diesen
so wunderbar albernen Geschichten von Psmith und Ukridge und von Lord
Emsworth, dem fanatischen Schweinezüchter. Mit den so herrlich sinnlosen
Abenteuern von Bertie Wooster, der sich pausenlos aus Versehen verlobt, und
vom Gentleman’s personal Gentleman Jeeves, der ihm immer aufs Neue aus der
Patsche hilft und dabei Klassiker zitiert.
Wenn ich irgendwo auf einen ungelesenen Wodehouse stosse, freue mich jedes
Mal wie ein Kind im Spielzeugladen. Zum Glück hat er im Lauf seines langen
Lebens fast hundert Bücher geschrieben. Und für die Fähigkeit, Pointen so
perfekt formulieren zu können, würde ich meine Seele dem Teufel
verschreiben.
Aber wenn ich dann meinen Freunden von Wodehouse vorjuble, sehen sie mich
nur nachsichtig an und sagen: „Naja, wenn du das magst…“
George Eliot hat recht: So was belastet eine Beziehung sehr.
Und Kollege Goethe hat es auf den Punkt gebracht: „Wenn ihr’s nicht fühlt,
ihr werdet’s nicht erjagen.“
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Januar 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
