Ein Roman ist ein Roman, wie ein Pudding ein Pudding ist. Bei beiden besteht die Aufgabe darin, sie so zu zuzubereiten, dass sie gern verzehrt werden.
Henry James
Man nehme, je nach geplantem Buchumfang, drei bis sieben gut abgehangene Charaktere, vorzugsweise aus eigener Jagd in freier Wildbahn. Sollten Sie wegen anderweitiger Verpflichtungen wie Lesungen und Autogrammstunden zum selber Jagen –oder, wie der Fachmann das nennt: Erleben – keine Zeit haben, so ist das auch nicht weiter schlimm. Sie können bei der Besorgung Ihrer Protagonisten selbstverständlich auch auf Konserven zurückgreifen, wobei sich die grossen Marken wie Homer oder Shake speare schon bei vielen Literaturköchen bewährt haben. Falls Ihren Charakteren die Wiederverwertung allzu deutlich anzumerken ist, empfiehlt es sich, stilistisch entsprechend kräftiger zu würzen.
(In alten Kochbüchern wird oft auch noch eine so genannte Handlung als unabdingbarer Bestandteil jedes Buches genannt. In der modernen Küche sieht man das nicht mehr so eng.)
Ganz wichtig ist aber die Wahl des richtigen Gefässes für Ihr Menu. Wenn Sie sich für ein zu grosses Format entscheiden, besteht die Gefahr, dass ihre Figuren allzu sehr ausgekocht werden müssen und entsprechend blutleer werden. Merke: eine prägnant angerichtete Kurzgeschichte mundet oft besser als ein mit zuviel Wortsauce gestreckter Roman.
Bevor Sie die Figuren in das ausgewählte Gefäss packen, sollten diese in der gewünschten Duftnote mariniert werden. Die beliebteste Geschmackrichtung ist nach wie vor Liebe (in jedem guten Arztroman erhältlich), aber auch Weltschmerz, Tragik oder junges Glück werden immer wieder gern genommen. Wenn sie eine grössere Zahl von Kunden verpflegen wollen, ist es in der Regel ratsam, auf allzu pikante Gewürze wie Zynismus oder Pornografie zu verzichten.
Hacken Sie das Ganze in nicht allzu lange Sätze, weil diese ungeübten Lesern beim Verzehr oft Probleme bereiten. In Ihrer persönlichen Stil-Bouillon sautieren und bei mittlerer Hitze gar kochen. (Allzu grosses Feuer ist nur bei Abenteuerromanen und Biographien von Brandstiftern zu empfehlen.)
Und dann: rühren, rühren, rühren. Denken Sie immer an die Devise der Meisterköchin Hedwig Courths-Mahler: „Zuviel Rührung kann es gar nicht geben.“
Das fertige Buch mit einem gut gestalteten Umschlag und ein paar hübschen Klappentexten garnieren und rechtzeitig vor der Buchmesse servieren.
Auf gutes Gelingen!
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31. Januar 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
