Kennt ihr China, das Land der geflügelten Drachen und porzellanenen Teekannen? Das ganze Land ist ein Raritätenkabinett, umgeben von einer unmenschlich langen Mauer und hunderttausend tatarischen Schilderwachen.
Heinrich Heine
Tatarische Schilderwachen waren keine da, aber sonst hat Heine recht. China ist anders. Auch bei der Verleihung von Literaturpreisen.
Schon beim Eintreffen der Gäste wurde der Saal mit so martialischer Musik beschallt wie beim Einmarsch der usbekischen Nationalmannschaft an der Olympiade. Und dann ging es los. Erbarmungslos feierlich.
Direkt vor mir hing mein Porträt in so gigantischen Ausmassen auf der blumengeschmückten Bühne wie der grosse Vorsitzende Mao am Eingang zur verbotenen Stadt. Darunter ein paar Schriftzeichen, die entweder meinen Namen bedeuteten, oder die Aufforderung, bei Brandausbruch den Saal geordnet zu verlassen.
Dann begannen die Reden. Viele, viele Reden. In der ersten halben Stunde, so schien es, wurde jeder Anwesende, vom Botschafter bis zur Teehostess einzeln begrüsst. Ganz sicher bin ich mir nicht, denn der Über setzer sprach englisch mit einem Glutamat-Akzent, den man in jedem Chinarestaurant der Welt als Spezialität hätte auf die Karte setzen können.
Die Professoren und Vorsitzenden diverser literarischer Gesellschaften, die sich am Mikrofon abwechselten, trugen mit Vorliebe von oben bis unten zugeknöpfte Einreiher und sahen aus wie Gratulanten bei einer bäuerlichen Hochzeit. Übrigens; chinesische Festredner heben nie die Stimme. Sie leiern ihre Texte herunter, als ob sie sich fürchterlich dabei langweilten. Vielleicht tun sie das ja auch. Oder sie sind begeistert und wir westlichen Langnasen merken es bloss nicht. Oh geheimnisvolles Reich der Mitte.
Während sie redeten (und redeten und redeten) wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich meinen Auftritt verpassen würde. Denn bei der ungewöhnlichen Aussprache, die in China gepflegt wird, hat man keine Chance, den eigenen Namen zu erkennen.
Zum Glück nickte mir der Übersetzer meines Romans im richtigen Moment zu, und ich marschierte zu Fanfarenklängen auf die Bühne. Mindestens Silber im Synchronschwimmen.
Hinterher fragte mich das chinesische Fernsehen, wie mir China gefiele. „Ein faszinierendes Land“, sagte ich. Keine weiteren Fragen.
Es war alles ein bisschen seltsam, aber ich weiss jetzt doch, dass ich der Autor des bedeutendsten deutschsprachigen Romans des Jahres 2006 bin. Ich habe es schriftlich. Edel in eine Metallplatte graviert. Nur leider auf Chinesisch.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 24. Februar 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
