Man gewöhne sich nur erst daran, jede Erfahrung in eine Kopfangelegenheit zu übersetzen: es ist erstaunlich, in wie kurzer Zeit der Mensch bei einer solchen Tätigkeit ausdorrt, wie bald er nur noch mit den Knochen klappert.
Friedrich Nietzsche
Wir kennen ihn alle, den ausgedorrten Gesellen.
Manchmal, wenn wir es uns in einem Buch gerade so bequem gemacht haben wie in einer Hängematte, hören wir von fern sein Knochengerüst klappern. Dann schleicht er wieder ums Haus, und bläst seinen kalten Atem durchs Schlüsselloch. Dann ist er wieder da.
Da hilft es nichts, die Tür zu verrammeln. Zwecklos, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, so wie wir es als Kinder getan haben, wenn wir mit unserer Lektüre allein sein wollten, nur wir und das Buch und die Taschenlampe. Wenn er sich einmal gemeldet hat, gibt es kein Entrinnen.
Es ist nicht der Knochenmann mit der Sense, sondern der andere, der viel schlimmere. Der mit dem Rotstift zwischen den dürren Fingern. Der die Melodie nicht hören kann, die ein Buch für uns spielt, weil er keine Noten kennt, sondern nur Fussnoten. Der zwischen den Buchdeckeln keine fremde Welt sieht, sondern nur bedrucktes Papier. Das er einordnen muss und zu den Akten legen. Von A wie Analyse bis Z wie Zusammenfassung. Er ist das Gespenst, dem es schon in unserer Schulzeit beinahe gelungen wäre, uns das Lesen auf ewig zu verleiden. Der Zensurenverteiler und Begrün dungs verlanger.
Wenn er sich einmal gemeldet hat, wenn wir einmal sein trockenes Hüsteln gehört haben – er hat schon lang keine Lunge mehr, aber sie ist vom Staub längst verfallener Bibliotheken immer noch gereizt –, dann gibt es kein Entrinnen mehr. Wenn er einmal aufgetaucht ist, lässt er sich nicht mehr vertreiben.
„So?“, sagt er. „Dieses Buch gefällt dir also? Aber warum?“
Und dabei sind die schönsten Bücher doch diejenigen, die nicht wichtig sind und nicht klug und nicht lehrreich. Vielleicht nicht einmal gut geschrieben. Und die uns trotzdem gefallen. Einfach so.
Bücher, die wir – und ich spüre schon, wie er mir gleich für dieses unsaubere Sprachbild auf die Finger klopfen wird – nicht mit dem Kopf lesen, sondern mit Vergnügen.
Aber das mag der Knochenmann nicht. Er mag eigentlich überhaupt keine Bücher, obwohl er eines nach dem anderen durchkaut mit seinen zahnlosen Kiefern. „Lesefutter!“, sagt er dann angewidert und schüttelt klappernd den Schädel. „Wie ekelhaft. Ich mag nur Sekundärliteratur.“
Und hat uns schon wieder ein Buch verdorben.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 22. Februar 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
