Glosse des Monats Februar 2010

Über Plagiatoren soll man nicht allzu hart urteilen. Es kann durchaus ein Milderungsgrund sein, dass ihre Einfälle nicht von ihnen stammen.
George Bernard Shaw


Helene Hegemann hat abgeschrieben, und das ist ja auch nicht weiter schlimm. Letzten Endes kommt es doch nur darauf an, ob sie ein gutes Buch geschrieben hat oder nicht. Und man hätte es ja ahnen können. Schliesslich kommt schon im Titel ihres gerade für den Leipziger Buchpreis nominierten Buches der „Roadkill“ vor, jenes zufällig überfahrene Tier, das so mancher Fahrer mit nach Hause nimmt, um sein eigenes Süppchen daraus zu kochen.
Schlimm ist nur, was sie bei manchen Kritikern damit angerichtet hat. Beim Versuch zu erklären, warum das allgemein gepriesene Meisterwerk durch das Copy-paste-Verfahren der Jungautorin nicht etwa fragwürdigerer, sondern im Gegenteil noch viel meisterwerkiger geworden sei, haben sich nämlich manche Mitglieder dieser exklusiven Gilde das kritische Rückgrat verrenkt. Und das muss doch wehtun.
Den schönsten Satz fand ich in einer deutschen Wochenzeitung von anerkannter Journalistizität. (So ein Wort gibt es nicht, meinen Sie? Sie werden sich wundern.) „So komisch es klingt“, stand da, „die Literarizität von Helene Hegemanns Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab.“ Die Feststellung ist, mit Verlaub, nicht komisch, sondern nur lächerlich. Und zwar nicht nur wegen ihrer sprachlichen Blödizität.
Wenn man den Satz ernst nähme, hiesse er nämlich ins Deutsche übersetzt: „Der Roman ist besser geworden, weil die Autorin so viel abgeschrieben hat.“ Was logischerweise bedeuten würde: Er wäre noch viel besser geworden, wenn sie noch mehr abgeschrieben hätte. Und am allerbesten, wenn sie bei „Projekt Gutenberg“ gleich einen ganzen fremden Roman eingescannt und unter eigenem Namen publiziert hätte. (Wenn es darin auch um jugendlichen Gefühlsüberschwang gehen soll, würde ich „Die Leiden des jungen Werther“ vorschlagen.)
Nein, ich finde es wirklich nicht weiter schlimm, das Helene Hegemann abgekupfert hat. In ihrem Alter haben wir das in der Schule alle getan. Aber man sollte sich deswegen auch nicht beim kritischen Spagat das Urteilsvermögen verbiegen. So was kann zu chronischen Schäden führen.

PS:
Um auch dieser Glosse eine Prise der neuerdings angesagten Abschreibizität zu verleihen, hier noch ein abgeschriebener alter Witz-Dialog.
„Sie sind Schriftsteller?“
„Ja, ich schreibe ab und zu.“
„Auch zu?“



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Februar 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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