Eine Lüge ist schon halb um die Welt, bevor die Wahrheit sich auch nur die Hosen angezogen hat.
Winston Churchill
Ich war noch nicht mal drei Jahre alt, als ich von Ausserirdischen entführt und in einer fliegenden Untertasse auf einen fernen Planeten verschleppt wurde. Dort musste ich allerlei sadistischste Experimente erdulden, bis mir schliesslich mit der Hilfe eines mutierten Kaninchens die Flucht gelang.
Nicht überzeugend? Na schön, vielleicht habe ich ein ganz kleines bisschen dick aufgetragen. Ich muss die Geschichte wohl noch einmal überarbeiten, bevor sie zum Weltbestseller werden kann. Aber im Prinzip folge ich damit nur einem Trend, der im Buchgeschäft gerade grosse Mode ist: Man schreibt erfundene Memoiren, mit möglichst vielen dramatischen und grausamen Details, und wenn der Schwindel dann auffliegt, hat man die Tantiemen schon auf der Bank.
In letzter Zeit tauchen fast jede Woche solche autobiografischen Fälschungen auf. Die belgische Autorin Misha Defonseca, zum Beispiel, beschrieb in ihren Jugenderinnerungen, wie sie als Holocaust-Flüchtlings kind von einem Wolfsrudel adoptiert und gerettet wurde. Der nach dem Buch gedrehte Film ist schon in den Kinos. Nur leider ist an der Geschichte kein wahres Wort.
In Amerika wurde gerade „Love And Consequences“ zum Überraschungserfolg, ein Memoirenband, in dem Margaret B. Jones beschreibt, wie sie, in einer Pflegefamilie aufgewachsen, von einer Gang zur Drogenkurierin in dem Slums von Los Angeles gemacht wurde. Tragisch, rührend und frei erfunden.
Da ist doch meine Geschichte von der Entführung im UFO gar nicht so viel schlimmer, oder? Nur das mutierte Kaninchen muss ich vielleicht weglassen.
Das Interessante an dem neuen Trend ist nicht, dass so viele Leser auf die falschen Bekenntnisse reingefallen sind. Sondern dass auch die Kritiker vor lauter Begeisterung über die neu entdeckten Talente den Schwindel geschluckt haben. Die weisen, allwissenden Damen und Herren mit den nach oben oder unten gereckten Daumen haben sich genau so verarschen lassen wie alle andern. Haben sich von den falschen Tönen genau so einlullen lassen wie der Rest der Welt. Sind sie vielleicht gar nicht unfehlbar?
Aber natürlich: in Belgien mag das vorkommen. Im kulturlosen Amerika sowieso. Bei uns, in der seriösen Schweiz, wäre so etwas unmöglich. Auf den untrüglichen Instinkt unserer Literaturkritiker können wir uns jederzeit verlassen. Das walte Wilkomirski.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. März 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
