Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr als die Vögel von der Ornithologie.
Marcel Reich-Ranicki
Piep, piep, piep, grosser Meister. Sie haben natürlich vollkommen Recht, wie immer. Piep. Wir Vögel sind ornithologische Analphabeten. Und sind mit dieser unserer Ahnungslosigkeit auch noch ganz zufrieden. Piep.
Aber nehmen Sie’s uns nicht übel: Wer möchte schon Ornithologe werden, wenn er Vogel sein kann?
Natürlich: Ornithologen sind klug und weise, sie wissen mehr über uns Vögel als wir selber, verwechseln nie einen Grünspecht mit einem Goldspecht und können im Schlaf aufzählen, was die Rotrücken- von der Grauflankenmeise unterscheidet. Wenn sie eine neue Unterart entdecken, geben sie ihr sogar den eigenen Namen. Ornithologen, wir geben es gerne zu, sind zweifellos die Krone der Schöpfung.
Aber sie können nicht fliegen.
Wann haben Sie zum letzten Mal einen Ornithologen hoch am Himmel kreisen sehen, vom Wind getragen und doch Herr des Windes? Welcher Ornithologe findet den Weg nach Afrika nur nach seinem inneren Kompass? Wie viele Ornithologen haben auf einem Telefondraht Platz?
Wir gestehen es ein, zwitschernd und krähend und kreischend: Ornithologen sind tausendmal klüger als wir. Sie wissen sogar, wie wir auf Lateinisch heissen. Obwohl wir gar kein Latein können. Piep.
Aber die Eier, die sie so stolz ausbrüten, haben wir gelegt. Das Gefieder, mit dem sie Rad schlagen, besteht aus unseren Federn. Sie wissen alles über uns oder glauben doch, alles zu wissen, aber wie es ist, die Flügel auszubreiten und in die Luft zu steigen, bis zu den Wolken, das werden sie nie erfahren. Sie wissen nicht, wie ein Wurm schmeckt, wenn man ihn aus der Erde zieht, weich und fett und saftig, und sie haben keine Ahnung, wie sich der Hunger anfühlt, wenn die Erde ausgetrocknet ist und weit und breit kein Wurm zu finden.
Ornithologen tun uns leid.
Sie stellen Regeln auf, wie man richtig zu fliegen hat, und bleiben doch selber auf dem Boden. Sie plustern sich auf und können doch mit dem bescheidensten Sperling nicht mithalten. Sie katalogisieren Gesänge ohne singen zu können. Nur weil einer den Schnabel aufreisst, ist er noch lang keine Nachtigall.
Manchmal fangen sie einen Vogel ein und beringen ihn, und dann meinen sie, er gehöre ihnen.
Ornithologen meinen, Vögel seien zum Ausstopfen da.
Wir möchten keine Ornithologen sein. Piep.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. März 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
