Glosse des Monats März 2010

Die Beherrschenden beherrschen eben mehr als nur die Unterdrückten, sie beherrschen auch eine Sprache, sie beherrschen zum Beispiel Grammatik und Orthographie.
Peter Bichsel


Peter Bichsel, dessen Kolumnensammlung eines jener wundersamen Bücher ist, in denen man endlos schmökern und jedes Mal wieder etwas Bedenkens- oder Belächelnswertes finden kann (weshalb ich auch keineswegs böse bin, wenn Sie die Lektüre dieses Textes hier unterbrechen, um einen Merkzettel „Kolumnen, Kolumnen von Peter Bichsel kaufen“ zu schreiben – Ende des Werbespots) – Peter Bichsel, dem ich herzlich zum 75. gratuliere, hat mich wieder einmal darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Sprache selber nicht unfehlbar ist.
Meistens sind die Ausdrücke, die sie uns für eine Sache anbietet, ja voll tieferer Bedeutung. Einen Computer bedienen, das sagt mehr über das wahre Machtverhältnis zwischen Mensch und Maschine aus, als Bill Gates lieb sein kann. Er hat sein Herz verloren, das beschreibt auf poetischste Weise, wie sich ein Jungverliebter fühlt, obwohl er doch nach wie vor ganz genau weiss, wo seine Pumpe im Brustkasten ihren Platz hat.
Aber die Sprache beherrschen? Niemand beherrscht die Sprache, schon gar nicht die wild gewordenen Deutschlehrer, die mit tödlichem Ernst tagelang darüber diskutieren können, ob es jetzt Ski fahren oder skifahren heissen müsse. Orwellsche Diktatoren meinen die Sprache zu beherrschen und versuchen unbotmässigen Wörtern unter Androhung der Todesstrafe einen neuen Sinn zu verleihen. Und in Alice im Wunderland erklärt Humpty Dumpty: „Wenn ich ein Wort verwende, bedeutet es genau das, was ich will, dass es bedeutet.“ Aber Humpty Dumpty fällt dann auch von seiner Mauer und all the king’s horses and all the king’s men können ihn nicht wieder zusammensetzen.
Nein, die Sprache kann man nicht beherrschen. Schon gar nicht als Schriftsteller. Man kann mit ihr spielen. Man kann mit ihr flirten. Manchmal ist sie sogar bereit, einen bei komplizierten akrobatischen Kunststücken zu unterstützen. Aber sie beherrschen? Das geht so wenig, wie eine Ehe glücklich werden kann, wenn der eine Partner den anderen beherrschen will. Oder wenn er versucht, jeden vermeintlichen Fehler des anderen zu korrigieren.
Deshalb verrate ich der Sprache lieber nicht, dass sie mit die Sprache beherrschen ein völlig verqueres Bild geschaffen hat. Ich könnte sie sonst gegen mich aufbringen. Und dann will sie am Ende nie mehr mit mir spielen.



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. März 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: März 2009
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