Glosse des Monats April 2008

Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.
Kurt Tucholsky


Wohl kaum einer der brillanten Formulierungen Kurt Tucholskys wird so oft zitiert wie dieser Satz aus „Schloss Gripsholm“. (Ausser vielleicht noch: „Was darf die Satire? Alles.“ Den holen besonders Politiker gern aus ihrem Zettelkasten, bevor sie dann ein lang gezogenes „Aaaaber…“ hinten dran hängen.)

Nur: der Satz mit der Seele und dem Baumeln wird zwar pausenlos zitiert, aber jedes Mal falsch. Von Reiseveranstaltern für den anspruchsvollen Kulturtouristen, makrobiotischen Wellness-Centern und diskreten Saunas mit tabulosen Ukrainerinnen. Von Pressesprechern, Werbern und anderen Sprach-Misse tätern. Kaum geht es irgendwo um Wohlfühlen, Entspannen oder Urlaub, tippen sie alle ganz automatisch „Bei uns können Sie die Seele baumeln lassen“ in ihren Computer. Oder vielleicht macht das die Textverarbeitung auch schon ganz von selber.

Die Einwohner von Mariefred im schwedischen Södermanland wundern sich derweil über die seltsamen Geräusche auf ihrem malerischen Friedhof. Die Glücklichen müssen keine deutschen Werbetexte lesen, und wissen deshalb nicht, dass das dumpfe Rotieren von Kurt Tucholsky stammt, der sich jedes Mal in seinem Grab umdreht, wenn einer seiner schönsten Sätze wieder verhunzt wird. Wer die deutsche Sprache so geliebt hat wie er, kann es nur schwer ertragen, dass auch mehr als siebzig Jahre nach seinem Tod immer noch gleich schlampig mit ihr umgegangen wird.

„Wir liessen die Seele baumeln“ ist nicht das selbe wie „wir baumelten mit der Seele“! Könnte man das in den Bildungsstätten für Werbetexter nicht in Marmortafeln meisseln? Oder beim Aufstarten des Computers blinkend aufleuchten lassen? NICHT DAS SELBE! Genau so wenig wie „gedankenlos nachplappern“ das selbe ist wie „beim Formulieren denken“.

Hört ihr den Unterschied wirklich nicht, ihr hoch bezahlten Werbetexter? Spürt ihr wirklich nicht, dass es etwas völlig anderes ist, ob man seine Seele aktiv in Bewegung setzt oder sie träge hängen lässt? Merkt ihr wirklich nicht, was sich Tucholsky dabei gedacht hat?

Nein, ihr merkt es nicht. Ihr fasst blind ins Regal mit den Fertigformulierungen und rührt sie mit ein bisschen Klischeesauce an. Und mit dem Honorar fahrt ihr dann in Urlaub und lasst die Seele baumeln.

„An einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten“, forderte Nietzsche. Und Peter Panter gab darauf die lakonische Antwort: „So siehst du aus.“

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26.April 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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