Glosse des Monats April 2009

Echte Polemik nimmt sich ein Buch so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurichtet.
Walter Benjamin


Zu meiner Schande muss ich es gestehen: ich lese gern Verrisse. Selbstverständlich nicht, um mich am Leid hingeschlachteter Kollegen zu ergötzen. (Die Vorstellung, es könne einen selber treffen, genügt, um einem in dieser Hinsicht jede Schadenfreude auszutreiben.) Nein, der Grund ist ein ganz anderer: Verrisse sind meist einfach besser formuliert als positive Kritiken.
Woran mag das liegen? Warum finden Rezensenten nicht ebenso geschliffene Sätze, wenn sie ein Werk, das ihnen gefällt, in den Himmel loben wollen? Meine Theorie dazu: Verrisse sind deshalb besser geschrieben als Hymnen, weil ein schlechtes Buch dem Kritiker einfach mehr Zeit zum Nachdenken lässt als ein gutes.
Rezensenten, man würde es nicht glauben, müssen nämlich die Romane, über die sie schreiben wollen, tatsächlich zu Ende lesen. Zumindest müssen sie überzeugend vortäuschen können, sie hätten das getan. Nun ist aber ein schlechtes Buch so etwas wie ein total uninteressanter Verwandter, den man aus Familienpflicht eingeladen hat und jetzt nicht mehr rausschmeissen kann. Da sitzt er nun endlos im Wohnzimmer und labert und labert und labert. Die einzige Verteidigung besteht darin, das Hirn abzukoppeln und über etwas ganz anderes nachzudenken. Im Fall eines doofen Buches: über die perfekte Formulierung, mit der man sich für die erlittene Langeweile rächen kann.
Manchmal kommen dabei Sätze heraus, die sind so diskret bösartig, dass der Betroffene erst mit Verzögerung bemerkt, dass er gerade hingerichtet worden ist. Genau wie bei jenem sagenhaften Henker, der seine Opfer so elegant zu köpfen wusste, dass sie das eigene Ableben erst realisierten, wenn sie hinterher zu nicken versuchten. „Bei diesem Buch sind die Buchdeckel zu weit auseinander.“ Niemand weiss heute mehr, über wen Ambrose Bierce das gesagt hat. Aber der Satz selber ist unsterblich.
Oder Dorothy Parker! Wie gern wäre ich einmal als Mäuschen unter dem runden Tisch im Algonquin Hotel gesessen, nur um bei einer ihrer legendären verbalen Giftmorde dabei zu sein. „Das ist kein Roman, den man leichthin weglegen sollte. Man sollte ihn mit aller Kraft schleudern.“ So ein Aphorismus, vergiftet oder nicht, zergeht doch einfach auf der Zunge.
Genau wie ein liebevoll angerichteter Säugling.



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. April 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: März 2009
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