Glosse des Monats April 2010

Ein Autor, der von seinen eigenen Büchern spricht, ist fast so schlimm wie eine Mutter, wenn sie über ihre eigenen Kinder spricht.
Benjamin Disraeli


Es war eine schwere Geburt, ja. Mein Verleger hat auch gesagt: So furchtbar hat er überhaupt noch nie einen Autoren leiden sehen. Die Wehen haben Jahre gedauert. Jahre! Und vorher die Schwangerschaftsbeschwerden, die will ich nicht einmal erwähnen. Zum Beispiel diese plötzliche Gier nach Adjektiven, die mich immer wieder überfallen hat…

Aber wenn das Buch dann endlich vor einem liegt, in seinem niedlichen, unschuldigen Schutzumschlag, dann sind alle Beschwerden vergessen. So süss, sage ich Ihnen. So ungeheuer süss. Und dieses Glücksgefühl, wenn man es dann an sein liebevoll vorbereitetes Plätzchen im Bücherregal stellt…

Es ist doch jedes Mal wieder ein Wunder, nicht? Noch so jung und doch schon alles dran. Das ISBN-Nümmerchen und die Klappentextchen und alles. Sogar ein Eselsöhrchen hat es schon. Ganz vorne auf der Titelseite, dort wo mein Name steht. So niedlich! Und dieser unwiderstehliche Geruch, wie ihn eben nur neugeborene Bücher haben! Dieser Duft nach noch ganz leicht feuchter Druckerschwärze! Am liebsten würde ich es den ganzen Tag nur knuddeln.

Gesund? Danke der Nachfrage, könnte nicht besser sein. Nur auf Seite 57 hat man ein winzig kleines Druckfehlerchen gefunden, aber das lässt sich in der zweiten Auflage ohne weiteres beheben, ganz ohne bleibende Schäden.

Natürlich wird es eine zweite Auflage geben! Und eine dritte und vierte auch. So was spürt man ganz einfach als Autor. Jetzt ist es ja noch klein und muss erst mit guten Kritiken aufgepäppelt werden. Aber wenn es erst einmal gross ist… Ich werde mich da nicht einmischen, natürlich nicht, man muss auch loslassen können, auch wenn es schwer fällt. Ob es Bestseller werden will oder lieber Geheimtipp – ich mische mich da nicht ein. Wenn es nur glücklich wird.

Ja, natürlich, es ist keine leichte Zeit so frisch nach dem Erscheinen. Nur schon, dass man keine Nacht mehr durchschläft. Alle paar Stunden muss ich raus aus dem Bett und im Internet nachsehen, ob schon jemand etwas über meinen kleinen Liebling geschrieben hat. Und dann gehe ich jedes Mal zum Regal und gebe dem Zucker schnuckel einen zärtlichen Kuss auf den Schutzumschlag.

Sie finden das übertrieben? Haben Sie überhaupt schon einmal ein Buch geschrieben? Nein? Dann können Sie überhaupt nicht mitreden!

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. April 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«

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Letzte Aktualisierung: März 2009
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