Ein Autor, der von seinen eigenen Büchern spricht, ist fast so schlimm wie eine Mutter, wenn sie über ihre eigenen Kinder spricht.
Benjamin Disraeli
Es war eine schwere Geburt, ja. Mein Verleger hat auch gesagt: So furchtbar
hat er überhaupt noch nie einen Autoren leiden sehen. Die Wehen haben Jahre
gedauert. Jahre! Und vorher die Schwangerschaftsbeschwerden, die will ich
nicht einmal erwähnen. Zum Beispiel diese plötzliche Gier nach Adjektiven,
die mich immer wieder überfallen hat…
Aber wenn das Buch dann endlich vor einem liegt, in seinem niedlichen,
unschuldigen Schutzumschlag, dann sind alle Beschwerden vergessen. So süss,
sage ich Ihnen. So ungeheuer süss. Und dieses Glücksgefühl, wenn man es dann
an sein liebevoll vorbereitetes Plätzchen im Bücherregal stellt…
Es ist doch jedes Mal wieder ein Wunder, nicht? Noch so jung und doch schon
alles dran. Das ISBN-Nümmerchen und die Klappentextchen und alles. Sogar ein
Eselsöhrchen hat es schon. Ganz vorne auf der Titelseite, dort wo mein Name
steht. So niedlich! Und dieser unwiderstehliche Geruch, wie ihn eben nur
neugeborene Bücher haben! Dieser Duft nach noch ganz leicht feuchter
Druckerschwärze! Am liebsten würde ich es den ganzen Tag nur knuddeln.
Gesund? Danke der Nachfrage, könnte nicht besser sein. Nur auf Seite 57 hat
man ein winzig kleines Druckfehlerchen gefunden, aber das lässt sich in der
zweiten Auflage ohne weiteres beheben, ganz ohne bleibende Schäden.
Natürlich wird es eine zweite Auflage geben! Und eine dritte und vierte
auch. So was spürt man ganz einfach als Autor. Jetzt ist es ja noch klein
und muss erst mit guten Kritiken aufgepäppelt werden. Aber wenn es erst
einmal gross ist… Ich werde mich da nicht einmischen, natürlich nicht, man
muss auch loslassen können, auch wenn es schwer fällt. Ob es Bestseller
werden will oder lieber Geheimtipp – ich mische mich da nicht ein. Wenn es
nur glücklich wird.
Ja, natürlich, es ist keine leichte Zeit so frisch nach dem Erscheinen. Nur
schon, dass man keine Nacht mehr durchschläft. Alle paar Stunden muss ich
raus aus dem Bett und im Internet nachsehen, ob schon jemand etwas über
meinen kleinen Liebling geschrieben hat. Und dann gehe ich jedes Mal zum
Regal und gebe dem Zucker schnuckel einen zärtlichen Kuss auf den
Schutzumschlag.
Sie finden das übertrieben? Haben Sie überhaupt schon einmal ein Buch
geschrieben? Nein? Dann können Sie überhaupt nicht mitreden!
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. April 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
