Glosse des Monats Mai 2008

Ein Titel muss kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalt verrät, desto besser.
Gotthold Ephraim Lessing


Natürlich, verehrter Meister, ich verstehe ja, was Sie meinen. Fünfzig Jahre vor Ihrer Geburt hatten Bücher immer noch Titel in Short Story-Länge. „Der Aben­theuer­liche SIMPLICISSIMUS  Teutſch / Das iſt: Die Beſchreibung deß Lebens eines ſelt­zamen Vaganten genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher geſtalt Er nemlich in dieſe Welt kommen / was er darinn geſehen /gelernet /erfahren und auß­geſtanden /auch warumb er ſolche wieder freywillig quittirt“ – so was muss ja wirklich nicht sein. Aber andererseits…
Gerade Sie, als herzoglich wolfenbüttlischer Bibliothekar, müssten doch dafür eintreten, dass potentielle Leser vor Gefahren gewarnt werden, die zwischen Buchdeckeln lauern. Ich hätte dazu auch einen praktischen Vorschlag.
In unserem 21. Jahrhundert gibt es bei Lebensmitteln die so genannte Kennzeichnungspflicht. Da steht dann zum Beispiel auf der Packung „Enthält Monosodiumglutamat, Thiabendazol und Natrium­ortho­phenylphenolat“, und wer auf Na­triumorthophe­nylphenolat gerade keine Lust hat, legt die Ware einfach wieder ins Regal zurück.
Finden Sie nicht auch, werter Herr Magister artium, dass man dasselbe System auch bei Büchern einführen sollte? Es muss ja nicht mehr sein als ein diskreter kleiner Aufkleber. Je nach Inhalt stünde dann da zum Beispiel: „Wegen süsslicher Liebesszenen für Diabetiker nicht geeignet“. Oder, im entgegengesetzten Fall: „Garantiert Happy End-frei“.
Warum ich Ihnen das alles unterbreite? Sie haben als Dramaturg am Hamburger Nationaltheater immer gefordert, dass Expositionen nicht zu lang sein sollten. Deshalb gleich zum Thema. Es geht um den Roman einer jungen Dame namens Charlotte Roche mit dem harmlosen Titel „Feuchtgebiete“. Was erwarten Sie, als hochgeistiges Mitglied der Freimaurerloge zu den drei Rosen, wenn Sie dieses Buch aufschlagen? Einen Wanderführer durch die Donau-Auen? Einen Testbericht über die angesagtesten Wellness-Zonen in der Luxushotellerie? Ihre Erwartung, um es diskret auszudrücken, würde enttäuscht werden.
Und genau diese Enttäuschung, verehrter Meister Lessing, liesse sich vermeiden, wenn da vorne auf dem Umschlag einer kleiner Kleber angebracht wäre mit dem Text: „Enthält Hämorrhoiden,  Wundblasen und Analfissuren“. Dann wüsste man doch gleich, woran man ist.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25.Mai 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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