Wo nehm ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?
Karl Kraus
Manchmal sind uns die Götter der Literatur gnädig. Sie bestrafen uns nicht, weil wir ein wichtiges Buch nie gelesen haben, sondern belohnen uns noch dafür. Indem sie uns in reifen Jahren ein Vergnügen schenken, das wir als junge Schnösel gar nicht richtig hätten geniessen können. Die Gnade der späten Lektüre, gewissermassen.
Mir geht es immer wieder mal so. Denn ich muss gestehen: Ich habe ganze Buchhand lungen voller Bücher nie gelesen. Für einen Bücher am Sonntag-Kolum nisten bin ich definitiv nicht belesen genug.
(Wobei mir das immer als falsche Verbform erschienen ist. Eigentlich müsste es doch heissen: „Für einen Bücher am Sonntag-Kolumnisten habe ich mich nicht genügend belesen.“)
Über meinen Bildungsmangel habe ich mich immer mit der Ausrede hinweg getröstet, dass man bei vielen Büchern die Zeit am besten investiert, indem man sie nicht liest. Als Nichtleser weiss man ja zum Glück nicht, was man verpasst.
Peinlich wird es nur, wenn einem irgend wann ganz zufällig ein Buch in die Hand gerät, an dem man desinteressiert vorbei gegangen ist. Und man dann feststellt, welchen Lesegenuss man sich da hat entgehen lassen. Mir ging das gerade so mit einem Roman von…
Nein, halt, machen wir doch ein kleines Quiz daraus. Wenn sie das Buch kennen, dann wird Sie die Wortmächtigkeit und Formulierungsphantasie des folgenden Zitates schon nach dem ersten Halbsatz wissend nicken lassen. Wenn Sie es aber, so wie ich, immer verpasst haben, dann gratuliere ich Ihnen von Herzen. Zu dem Lesespass, den sie noch vor sich haben.
Hier also das Zitat. Es geht um die Beschreibung einer Blasmusikprobe: „Im Gang hört man zuerst nur ein Räuspern und Stühleschirken, ein Antuten, Anfurzen und Anprusten, ein Hintergrundgrunzen, Hinaufventilieren und Zugstöhnen, ein Herumdudeln, Nachmuhen und Bassgrochsen, bis sich das Klöpfeln des Dirigentenstocks durchsetzt.“
Wieder erkannt? Dann sind Sie jetzt wahr scheinlich schon unterwegs zu Ihrem Bücherregal, um die Bekanntschaft zu erneuern. Und sonst: Kaufen, ausleihen, stehlen! Es gibt eine wunderbar verschrobene Schulmeister- und Friedhofsgeschichte zu entdecken. „Schilten“, von Hermann Burger. Zum ersten Mal erschienen 1976.
In einem Jahr, in dem ich offensichtlich genügend Zeit hatte, um ein so faszinierendes Buch nicht zu lesen.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. Mai 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
