Glosse des Monats Juni 2009

Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können.
J.D. Salinger


Der kulturbeflissene Leser von „Bücher am Sonntag“ will gern als erster wissen, welche Werke mit dem Schweizerischen Buchpreis ausgezeichnet werden. Deshalb hier schon einmal eine Vorschau auf meine nächsten Romane.
Da wäre zunächst „Die Aluminiumtrommel“: Der leicht senil gewordene Oskar Matzerath lebt in einem Seniorenheim in Gdansk und gründet dort zusammen mit Lech Walesa eine Tambourengruppe. Darauf folgt dann „Das Superparfüm“, in dem es Jean Baptiste Grenouille als erstem gelingt, den Geruch von frisch gedruckten Banknoten zu destillieren und damit einen entlassenen UBS-Direktor von seiner Depression zu heilen.
Und dann kommt mein Magnum Opus „Noch stiller“, die Geschichte eines Mannes, der seinen biometrischen Pass verloren hat und deshalb…
„Quatsch!“, sagen Sie? Sie haben vollkommen recht. Solche Bücher wären ein totaler Unsinn. Wer sie schreiben wollte, würde von Günter Grass mit der Tabakspfeife erschlagen, von Patrick Süskind vergiftet und von Max Frisch noch posthum im Freibad Letzigraben ertränkt. Und niemand würde dem jämmerlichen Plagiator auch nur eine Träne nachweinen.
Quatsch, Stumpfsinn, Hirnriss.
Aber traurige Realität.
In Amerika hat ein Autor nämlich genau das getan. Unter dem Titel "60 Years Later – Coming Through the Rye" hat er einen der wichtigsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ weiter geschrieben. Selbstverständlich ohne den Originalautor vorher zu fragen. Man kann ja nicht gut bei einem stolzen Vater anrufen und sagen: „Entschuldigung, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihre Tochter ein bisschen vergewaltige?“
Und der Mann läuft immer noch frei herum. In Amerika, wo die Hollywood-Produktion hauptsächlich aus Sequels und Prequels besteht, scheint man seinen literarischen Vandalismus als lässliche Sünde zu betrachten. Aber „Holden Caulfield – 60 Jahre später“ ist nun mal nicht dasselbe wie „Star Trek 99“. Wäre der Kerl doch lieber in den Louvre eingebrochen, um der Mona Lisa einen Schnurrbart ins Gesicht zu malen! Dann hätte man ihn wenigstens wegen Sachbeschädigung drankriegen können.
Übrigens: der Übeltäter nennt sich John David California. John David, also J.D. – genau wie Salinger. Nicht einmal für sein Pseudonym ist ihm etwas Eigenes eingefallen.



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Juni 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: März 2009
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