Neben einem Hund ist ein Buch dein bester Freund. In einem Hund ist es zu dunkel zum Lesen.
Groucho Marx
Selbst als linientreuer Marxist (Fraktion Groucho) muss ich hier ausnahmsweise widersprechen. Nicht was die eingeschränkten Lektüremöglichkeiten im Innern von Säugetieren betrifft. Das mag wohl so sein. Obwohl ich, auch wenn nichts davon in der Bibel steht, fest davon überzeugt bin, dass Jonah in seinem Wal mindestens eine Ständerlampe und einen Band Psalmen bei sich hatte.
Nein, das mit dem Buch als Freund überzeugt mich nicht. Zumindest dann nicht, wenn es für alle Bücher gelten soll. Ich kenne auch andere.
Goethes gesammelte Werke zum Beispiel sitzen in meinem Bücherregal wie lauter beleidigte alte Onkel. Da haben sie sich zu einem Besuch herabgelassen, und jetzt lässt man sie einfach verstauben. Ich höre förmlich, wie „Dichtung und Wahrheit“ zur „Italienischen Reise“ sagt, da sei man sich aus den guten alten Zeiten in Weimar aber eine andere Behandlung gewöhnt. Wir sind höflich zueinander, die Goethe-Bände und ich, aber Freunde werden wir wohl nie werden.
Genau so wenig gelingt mir das mit Thomas Mann. Mit ihm geht es mir wie mit meinem alten Lateinlehrer, der mir letzthin, mehr als vier Jahrzehnte nach der Matur, das Du angeboten hat. Ich freue mich darüber und bringe es doch nur mühsam über die Lippen. Die Angst, in der nächsten Minute wegen einer unsauberen Deklination gerüffelt zu werden, sitzt einfach zu tief.
Und dann gibt es diese Ranschmeiss-Bücher, die einem ihre Freundschaft schon anbieten, wenn man sie in der Buchhandlung noch nicht einmal richtig aus dem Regal genommen hat. Die einem schon aus dem Klappentext die Hand hinstrecken, und einen bei der Lektüre so mit Herzlichkeit überschütten, dass man gar nicht schnell genug blättern kann, um sie wieder los zu sein. Wenn sie Menschen wären und man sie von weitem kommen sähe, würde man die Strassenseite wechseln. Weil sie Bücher sind, stiftet man sie für den nächsten Basar.
Und dann gibt es noch die alten Freunde, mit denen man sich im Lauf der Jahre auseinander gelebt hat. Mir geht es so mit den Büchern von Klabund. Zu meiner Teen ager zeit waren wir unzertrennlich. Jetzt stehen sie vernachlässigt zwischen Kästner und Kleist im Regal, und was einst mein pubertäres Herz höher schlagen liess, scheint mir heute nur noch schwülstig.
Nein, nicht jedes Buch ist ein Freund. Manchem möchte man am liebsten nie wieder begegnen. Nicht einmal im Innern eines Hundes.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27.Juli 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
