Glosse des Monats Juli 2009

…und so widerstehe ich der Versuchung, mich in künstlerischer Reue zu suhlen und ziehe es vor, beides, das Gute und das Schlechte, stehen zu lassen und an etwas anderes zu denken.
Aldous Huxley


Manche Leute blättern in ihren sanft vergilbten Fotoalben und erfreuen sich an den Muskelpaketen, die sie damals, in den siebziger Jahren, am Strand von Rimini noch präsentieren konnten. Oder sie ärgern sich über die lächerliche Zottelfrisur, die nun für alle Zeiten zwischen den Pappdeckeln festgehalten ist. Von den blümchenbestickten Schlaghosen und der psychedelischen Krawatte gar nicht zu reden.
Vielleicht haben sie einmal, an irgendeinem Sportfest, den zweiten Preis gewonnen, stauben den Pokal alle paar Monate mal ab und denken: Mit ein bisschen mehr Training hätte ich damals auch gewinnen können.
Aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, rückwirkend etwas an der eigenen Vergangenheit ändern zu wollen. Es gibt keine Zeitmaschine, die einen ein paar Jahrzehnte zurück zu einem vernünftigen Friseur spediert. Keinen retroaktiven Wecker, der einen durch sein Klingeln aus einer unterdessen längst zum Irish Pub umgewandelten Dorfbeiz holt, damit man am nächsten Morgen den fitnessfördernden Waldlauf nicht verschläft.
(Oder müsste es heissen: Aus der Dorfbeiz holte? Geholt hat? Geholt haben wird? Sogar die Grammatik verweigert sich der Vorstellung, an der eigenen Vergangenheit etwas ändern zu können.)
Nur der Schriftsteller steht manchmal vor dieser Versuchung. Nämlich dann, wenn eines seiner alten Bücher wieder neu aufgelegt werden soll. Jetzt hat er die Möglichkeit, nachträglich jene brillante Formulierung einzufügen, die ihm vor zwanzig Jahren ums Verrecken nicht eingefallen ist. Das missglückte Kapitel, für das ihn die Kritiker damals so getadelt haben, noch einmal neu anzugehen. Die Zukunftsprognose, die so ganz und gar nicht eingetroffen ist, diskret durch eine stimmigere zu ersetzen. Kurz: am eigenen Fotoalbum nach Lust und Laune herumzuretuschieren.
Er sollte dieser Versuchung widerstehen. So wie ihr Aldous Huxley widerstanden hat, als seine Schöne neue Welt zwei Jahrzehnte nach der Erstausgabe neu aufgelegt wurde. Man soll – auch das seine Formulierung – „dieser ganz anderen Person, die man in seiner Jugend war,“ nicht ins Handwerk pfuschen. Auch wenn man glaubt, es heute so viel besser zu können. Wenn man Pech hat, stellt man nämlich wieder zwanzig Jahre später fest, dass die geänderte Frisur noch dämlicher aussieht als die ursprüngliche.



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. August 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: März 2009
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