Wundere dich nicht, wenn sich dein Autor in den Tagen des Erscheinens seines Buches wie eine schwangere Frau benimmt und der Meinung ist, dass mit dem Stichtag des Erscheinens seines Buches eine neue Zeitrechnung beginnt.
Ernst Rowohlt
Können Sie mir helfen, Herr Doktor? Ich dachte, ich sei geheilt, und überhaupt, das letzte war ein so dickes Buch, und da ist es doch begreiflich, dass man einige leichtere Symptome… Okay, schwere Symptome. Wenn das in meiner Krankenakte so steht, wird es wohl stimmen.
Aber ich dachte wirklich, es sei vorbei. Nach einem so schweren Anfall wie beim letzten Mal müsste man doch eigentlich immun werden, habe ich gemeint. Aber jetzt hat es wieder angefangen. Genau so heftig wie damals. Oder sogar noch schlimmer.
Die Symptome? Dieses Kribbeln, das einen nicht schlafen lässt. Und natürlich der unwiderstehliche Zwang, durch wildfremde Buchhandlungen zu streifen und ganz unauffällig nachzusehen, ob das Buch schon ausliegt. Kann man da wirklich nichts dagegen machen, Herr Doktor?
Eine Erkältung habe ich mir auch geholt. Doch, Herr Doktor, das hat schon etwas damit zu tun. Weil es doch so kalt war und geregnet hat, als ich morgens um vier im Pyjama vor dem Briefkasten stand und auf den Zeitungsausträger wartete. Er kam aber erst um halb sechs. Und eine Besprechung war dann auch nicht im Blatt.
Was soll das heissen: „zu früh“? Man kann doch wohl erwarten, dass die Zeitung schon um vier Uhr… Ah, Sie meinen: „zu früh für eine Kritik“? Weil mein neues Buch doch noch gar nicht richtig erschienen ist? Also, das finde ich überhaupt nicht. Wenn der Verlag die Leseexemplare per Express verschickt hat, und wenn der Kritiker das Buch sofort aus dem Umschlag genommen und noch am selben Tag gelesen und dann auch gleich seine Kritik geschrieben hat… Wieso unrealistisch? So lang kann es doch nicht dauern, ein paar Adjektive wie „wunderbar“, „einmalig“ oder „meisterhaft“ in den Computer zu tippen. Man kann doch wohl erwarten, dass…
Ach so, Herr Doktor, Sie meinen, das sei schon wieder so ein Symptom. Wie der Zwang, alle Viertelstunden beim Verlag anzurufen und darum zu bitten, dass man die ganze erste Auflage einstampft und neu druckt, weil mir gerade für Seite 112 eine viel bessere Formulierung eingefallen ist. Oder die Manie, alle zehn Minuten den eigenen Namen zu googeln.
Ja, mit Baldrian habe ich es probiert. Ohne Erfolg. Ich habe sogar versucht, meine Nerven mit grösseren Mengen von Schokolade zu beruhigen. Jetzt habe ich auch noch Verstopfung.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31.August 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
