Glosse des Monats August 2009

Der Witz setzt immer ein Publikum voraus. Darum kann man den Witz auch nicht bei sich behalten.
Johann Wolfgang von Goethe


Jeder Berufsstand hat seine eigenen Witze. Bei Medizinern beginnen sie mit „Treffen sich zwei rote Blutkörperchen“, bei Musikern mit „Sagt ein Bratschist zum Dirigenten“ und bei Diplomaten mit „Fährt ein Bundespräsident nach Libyen.“ Nur Schriftstellerwitze kannte ich lange Zeit keine und konnte mir diesen Mangel nicht erklären. Schliesslich besteht die Schreiberzunft nicht nur aus lauter humorlosen Langweilern. Vielleicht, dachte ich, neigen wir einfach dazu, wirklich gute Pointen nicht in fröhlicher Runde zu verschwenden, sondern sie lieber für unser nächstes Buch aufzubewahren. Oder nehmen wir unseren Beruf so ernst, dass es uns gar nicht in den Sinn kommt, darüber Scherze zu machen?
Ich brauche nicht länger über das Problem nachzudenken, denn seit neustem kenne ich endlich einen Schriftstellerwitz, erzählt vom argentinischen Kollegen Josè Pablo Fein mann. Ein ideale Titel dafür wäre „Der Club der toten Dichter“, aber da war das Kino leider wieder mal schneller.
Mit oder ohne Titel: Goethe hatte völlig Recht. Ich kann die Geschichte nicht bei mir behalten. Auch in „Bücher am Sonntag“ darf mal gelacht werden.
Also: Ein Schriftsteller ist gestorben und kommt ans Himmelstor. Dort wartet schon Petrus auf ihn und sagt: „Gratuliere, Sie sind fürs Schrift stellerparadies vorgesehen. Wenn Sie es vielleicht mal besichtigen möchten?“
„Gern“, sagt der frisch Verstorbene, und Petrus führt ihn zu einem Guckloch, durch das man ins Paradies schauen kann.
Dort sieht es so aus: Die Dichter sitzen auf feurigen Stühlen vor rot glühenden Tastaturen, bei jedem Buchstaben, den sie tippen, verbrennen sie sich die Finger, und sie jammern und klagen und raufen sich die Haare.
„Wenn das das Paradies ist“, meint der tote Schriftsteller, „dann möchte ich doch gern mal die Hölle sehen.“
„Ganz wie Sie wünschen“, sagt Petrus. Die beiden fahren mit dem Aufzug eine Million Stock werke nach unten, und landen in der Schrift stellerhölle. Und die ist so:
Die Dichter sitzen auf feurigen Stühlen vor rot glühenden Tastaturen, bei jedem Buchstaben, den sie tippen, verbrennen sie sich die Finger, und sie jammern und klagen und raufen sich die Haare.
Alles exakt gleich wie im Himmel.
„Wo ist denn da bitte der Unterschied?“, fragt der tote Schriftsteller.
„Ganz einfach“, antwortet Petrus. „Die hier unten finden keinen Verleger.“



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. September 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: März 2009
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