Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war.
Astrid Lindgren
Wenn Sie sich mit Hilfe der Ihnen treu ergebenen Bestseller-Brigaden an die Macht geputscht hätten und jetzt der allmächtige Literatur-Diktator dieser Welt wären, was wäre dann Ihr erstes Edikt? Dass in Zukunft niemand mehr ein Buch schreiben darf, der dazu einen Ghostwriter braucht? Dass alle Klappentext-Verfasser auf einen fernen Planeten verbannt werden? Dass Hera Lind ihre Schreibmaschine abgeben muss?
Oder würden Sie – das wäre mein bescheidener Vorschlag – mit dem goldenen Federkiel, der das Zeichen dieses Amtes ist, gleich am ersten Tag Ihrer Regentschaft folgenden Erlass un ter schreiben? „Ab sofort haben alle Auto biografien mit dem dreissigsten Geburtstag des Autors zu enden. Zuwiderhandlungen werden mit dem Entzug der ISBN-Nummer bestraft.“
Denn, seien wir doch ehrlich: Wenn die Leute erst mal erwachsen werden, wird’s langweilig. Der Bericht vom Streit mit dem Nachbarsjungen, bei dem es nur gerade um ein paar Murmeln ging, ist meist bedeutend interessanter zu lesen als die Schilderung der Nobelpreisverleihung im letzten Kapitel.
Ich bin mir nicht so ganz klar darüber, woran das liegt. Hat Astrid Lindgren recht, und die frühen Jahre lassen sich so viel lebendiger beschreiben, weil sie intensiver erlebt wurden als die späteren? Oder sind die ersten Erinnerungen deshalb so lesenswert, weil sie im Laufe des Lebens am häufigsten erzählt und mit jeder Wiedergabe in immer perfektere Form geschliffen wurden?
Vielleicht hat es aber auch ganz einfach damit zu tun, dass sich vor allem in Prominenten-Memoiren nach den ersten Erfolgen unweigerlich der Name-Dropping-Bazillus einschleicht, gegen dessen Infektion die Wissenschaft bisher noch kein Mittel gefunden hat. Die Symptome sind lästig, aber zum Glück nicht tödlich. Beim infizierten Autor äussert sich der Ausbruch der Krankheit in schubweiser Logorrhoe, während der befallene Leser an einer schmerz haften Verkrampfung der Gesichts muskulatur (so genanntes Gähnen) zu leiden beginnt. Schlimmere Folgen lassen sich durch schleuniges Zuklappen des Buches meist vermeiden.
Und drum, wenn Sie Literatur-Diktator werden sollten: erlassen Sie doch bitte im Interesse der Volksgesundheit dieses Edikt. Ihre getreuen Untertanen werden es Ihnen ewig danken.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28.September 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
