Glosse des Monats September 2009

„Ich machte mir Hoffnung“, sagte Pangloss, „mich mit dir über Wirkungen und Ursachen, die beste der möglichen Welten, den Ursprung des Übels, die Beschaffenheit der Seele und die vorherbestimmte Harmonie zu unterhalten.“ Daraufhin schlug ihnen der Derwisch die Türe vor der Nase zu.
François Marie Arouet, genannt Voltaire


Man könnte die Krankheit Panglossismus nennen. Sie überfällt Autoren immer im dümmsten Moment – vielleicht weil es keinen klugen Moment dafür gibt. Da sind sie gerade dabei, uns eine wunderbare Geschichte zu erzählen, uns interessante Menschen in faszinierenden Lebensumständen zu schildern, uns in eine Welt zu versetzen, die nur zwischen ihren Buchseiten existiert und doch so viel realer ist als die alltägliche draussen vor dem Fenster. Und wir, wir leben mit, wir denken mit, und in unserem durch das Erzählte angeregten Kopf beginnt sich vielleicht gerade der Ansatz zu einer eigenen Erkenntnis zu entwickeln.
Und dann schlägt die Krankheit zu. So störend wie das Piepsen eines Handys im Konzertsaal. So unerbittlich wie das Personal im Restaurant, das den Essensgenuss schon zum dritten Mal mit der Frage stört, ob alles in Ordnung sei. So lästig wie der Mann hinter mir im Kino, der ganz plötzlich den unwiderstehlichen Drang verspürt, seiner Begleiterin den Film zu erklären.
Panglossismus akutis. Befällt Autoren aller Art. Manchmal sehr schmerzhaft für den Leser, aber leider unheilbar.
Und die Symptome, Herr Doktor?
Zwanghaftes Philosophieren. Schubweise auftretender Erklärdrang. Auch bekannt als Morbus Bitzius, weil sich die Krankheit auch in kapitelweisem Predigen manifestieren kann.
Noch hat die Wissenschaft nicht ergründet, worin der Ursprung dieser so weit verbreiteten Krankheit wirklich liegt. Was treibt Autoren immer wieder dazu, so rücksichtslos ins eigene Buch hineinzuquatschen? Warum unterbrechen sie den mitreissenden Fluss ihrer Geschichte, um sie uns theoretisch zu erklären, samt philosophischem Unter- und weltanschaulichem Überbau? Weshalb meinen sie, uns das vorbuchstabieren zu müssen, war wir viel lieber selber dächten? Bezweifeln sie die eigene Fähigkeit, so gut zu erzählen, dass das Erzählte für sich selber spricht? Oder sehen sie ihre Leser als kleine Dummerchen, die man fürsorglich an der Hand nehmen und auf den richtigen Erkenntnisweg führen muss?
So oder so: Es kann ihnen passieren, dass wir ihnen dann, wie der Derwisch die Tür, ihr eigenes Buch vor der Nase zuschlagen.



Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. Oktober 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: März 2009
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.