Glosse des Monats Oktober 2007

Die Zeitungsschreiber haben sich ein hölzernes Kapellchen erbaut, das sie auch den Tempel des Ruhms nennen, worin sie den ganzen Tag Porträte anschlagen und abnehmen und ein Gehämmer machen, dass man sein eignes Wort nicht hört.

Georg Christoph Lichtenberg


Streut Rosenblüten, ihr Jünger der Musen, frohlocket und schwenkt die Weihrauchpfanne, denn heute wird ein ganz neues Kapellchen eingeweiht. Den Göttern der Dichtkunst ist es gewidmet, und einmal im Monat soll es geöffnet sein. Ein besonders heiliges Tempelchen soll es werden, so heilig, dass es sogar einen eigenen Papst hat.
Ruft Hosianna, denn endlich ist der grosse Tag gekommen. Die Federkiele sind gespitzt, und die Hohepriester der Literatur stehen mit ihren Akolyten bereit. Aus berufenen Mündern werden sie uns verkünden, wem die Ehre der Altäre gebührt, und wer sich mit einem Platz im Vorhof begnügen muss. Dort, wo sich, ausgeschlossen und ausgesperrt von den höheren Weihen, die Möchtegerns und Adabeis drängen und mit schauerlich heiseren Stimmen rufen: „Lest mein Buch! Lest mein Buch!“
Manchmal wird ein gefallener Engel durch ihre Reihen gehen, sich auf die Brust schlagen und tränenfeuchten Auges gestehen: „Ich war einmal ein Grass, aber mein Porträt wurde abgehängt, weil ich nicht früh genug gebeichtet habe.“ Und eine Jungfrau werden wir sehen, einen schweren Sack mit Buchtantiemen trägt sie auf dem gebeugten Rücken, und sie jammert und klagt und spricht also „Wahrlich, sieben Mal habe ich meinen Sohn Harry, den Potter, zu den Tempeln geschickt, und sieben Mal blieben die Türen verschlossen, weil er kein Musengeküsster ist, sondern nur ein Phänomen!“
Aber drinnen, ah, drinnen… Da, wo man in alle Mysterien des Wahren, Guten und Schönen eingeweiht ist, wo sie nur milde lächeln, wenn ihnen jemand ein E für ein U vormachen will, wo die erlesensten Adjektive in goldenen Schalen bereit liegen, um mit vollen Händen ausgestreut zu werden über die Auserwählten.
Und es wird ein Gehämmer zu hören sein wie ferner Donner, die Epiker werden erbleichen und die Belletristen den Atem anhalten, wie Ertrinkende werden sie sich an ihre Verleger klammern, und alle, alle werden sie sich fragen: „Ist es mein Porträt, das hier aufgehängt oder abgenommen wird?“
Und sie werden nicht wissen, dass das Gehämmer einen ganz anderen Ursprung hat: die Hohepriester schlagen sich mal wieder gegenseitig die Köpfe ein. Denn auch das ist guter alter Brauch im Tempel der Literatur.

Erschienen in "Bücher am Sonntag" vom 7. Oktober 2007,
Literaturbeilage der "NZZ am Sonntag"


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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