Glosse des Monats Oktober 2008

Erwirbt ein Erdensohn sich Lob und Preis, / gleich bildet sich um ihn ein Sagenkreis.
Conrad Ferdinand Meyer


Nobelpreisträger sind höhere Wesen. Wer sich einmal in Frack und Lackschuhen vom schwedischen König hat eine Goldmedaille und einen Scheck über eine Million Euro überreichen lassen, den umweht ab sofort der Hauch des Überirdischen. Kulturreporter stehen vor seiner Dichterklause Schlange, und jede seiner Äusserungen wird so ehrfurchtsvoll zitiert und analysiert, als sei sie direkt vom Parnass hernieder geschwebt. In einem Schauer von Rosenblüten Deshalb will ich den Lesern der NZZ am Sonntag auch nicht vorenthalten, welch bedeutende Worte der neueste Träger des Literatur-Nobelpreises einst zu mir gesprochen hat. Jawohl, Jean-Marie Gustave Le Clézio. Ich kenne ihn tatsächlich persönlich und werde mit dieser Tatsache bestimmt bis ins hohe Alter jede Menge Eitelkeitsduelle gegen andere Namedropper gewinnen. Vor allem, wenn ich dann noch ganz nebenher ins Gespräch werfe: „Wir haben nämlich einmal beide denselben Literaturpreis gewonnen.“ Nein, nicht den in Stockholm. Aber Peking ist ja auch nicht schlecht.
Es war bei der Verleihung der Auszeichnungen für die besten fremdsprachigen Romane. Ich wurde für ein deutsches Buch geehrt und er für ein französisches. Wir waren beide im selben Hotel untergebracht, und beim Früh stück kam er auf mich zu und sagte…
Nein, bevor ich Ihnen das verrate, muss ich ihn beschreiben. Man begegnet ja nicht jeden Tag einem Wesen dieser höheren Art. An meinen Tisch trat eine hagere, bleiche Gestalt, umweht von etwas, das ich in meiner damaligen Naivität für einen dicken Mantel hielt. Heute weiss ich natürlich: Es war die Aura des zukünftigen Nobelpreisträgers. Mit leidendem Gesicht – Verzeihung: Antlitz – stand er vor mir. Wahrscheinlich, so vermute ich im Nachhinein, hatte er die ganze Nacht mit seiner Muse um eine perfekte Formulierung gerungen. Oder was Nobelpreiskandidaten sonst so in Hotelzimmern treiben.
Seine Stimme war schwach, und alles Leid der Welt schwang in ihr mit. Bis heute habe ich die tiefe Weisheit des Satzes, den er zu mir sprach, noch immer nicht in voller Tiefe ausgelotet. Denn also sprach Jean-Marie Gustave Le Clézio, ein echter, lebendiger Nobelpreisträger, zu mir: „Haben Sie zufällig ein Mittel gegen Durchfall im Gepäck? Die Muscheln gestern Abend müssen schlecht gewesen sein.“


Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 26. Oktober 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.