Es ist erstaunlich, wie sich der Mensch so ganz der Täuschung hingeben kann, dass das Schöne auch das Gute sei.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi
Sie sass mir im Zug schräg gegenüber, und ich musste sie die ganze Zeit ansehen. Nicht nur wegen ihrer klassischen Schönheit, die Pallas Athene, der Schirmherrin der Künste, wohl angestanden hätte. Oder doch zumindest Erato, der Muse der Dichtkunst.
Nein, was mich immer wieder zu ihr hinblicken liess, war die Tatsache, dass sie die ganze Zeit las. Mit einer Konzentration, wie sie nur Leute aufbringen können, denen die Literatur über alles geht. Gleich nach dem Einsteigen in Paris hatte sie ihr in schwarzen Samt gebundenes Buch aufgeschlagen. Jetzt waren wir schon kurz vor Strassburg, und sie hatte noch nicht ein einziges Mal von den Seiten aufgesehen. Nicht einmal als die dem Kontrolleur ihre Fahrkarte hinhielt.
Eine Studentin, dachte ich mir aus. Wahrscheinlich Studienfach Philosophie. Ist tief in eine Abhandlung von Martin Heidegger eingetaucht und kann es nicht erwarten zu erfahren, ob das Nichts vielleicht doch ein Sein hat.
Aber dann huschte ein sanftes Lächeln über ihre ebenmässigen Züge, und das machte Heidegger dann doch eher unwahrscheinlich. Sie liest Ulysses, dachte ich jetzt, und ihr Lächeln bedeutet, dass sie gerade eines der komplizierten Wortspiele von James Joyce entschlüsselt hat.
Oder doch eher Ovids Metamorphosen? Und was sie gerade so amüsierte waren dessen quakende Frösche? Quamvis sunt sub aqua, sub aqua maledicere temptant. Wer aussieht wie die Göttin Minerva, liest Ovid natürlich in der Originalsprache.
Aber auch Göttinnen haben Bedürfnisse, wenn sie auf Erden wandeln. Irgendwann stand sie auf und ging zur Toilette. Und ich konnte endlich meiner Neugier frönen und nachsehen, was dieses engelsgleiche Wesen wohl las.
Es war ein Roman von Gaby Hauptmann. Der Verfasserin von Ein Liebhaber zuviel ist noch zuwenig und Frauenhand auf Männerpo. Ein Roman mit dem Titel: Suche impotenten Mann fürs Leben. Liebevoll in schwarzen Samt gebundene 314 Seiten Schrott.
Als sie vom Klo zurück kam, stellte ich fest, dass sie gar nicht besonders schön war. Nicht einmal hübsch. Ein eher gewöhnlicher Typ. Mit einem ganz dümmlichen Lächeln. Hielt Metamorphosen wahrscheinlich für ein Parfüm und Martin Heidegger für den Begründer von H&M.
Was einem die schlechte Beleuchtung im TGV doch für Streiche spielen kann.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 29. November 2009,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
