Glosse des Monats November 2007

Entweder sie kaufen ein Buch und lesen es nicht. Oder sie leihen ein Buch und geben es nicht wieder und lesen es auch nicht. Oder sie geben es wieder und haben es nicht gelesen.

Irmgard Keun


Es soll hier nicht von den Büchern die Rede sein, die überhaupt niemand liest. Sondern von denen, die man zwar man nicht gelesen hat, über die man sich aber trotzdem fachmännisch äussert.
Wir unterscheiden in diesem von der Literaturwissenschaft sträflich vernachlässigten Forschungsbereich drei Untergruppen.

a) die gesellschaftliche Vortäuschung:
Eine sehr nette Bekannte fühlte sich einmal der Höflichkeit halber verpflichtet, mir zu sagen, wie gut ihr doch einer meiner Romane gefallen habe. Ich fragte sie nach einer bestimmten Figur, und – oh Wunder! – gerade dieser Charakter hatte ihr ganz besonderes Lesevergnügen bereitet. Oh Wunder deshalb, weil die Figur in dem Buch gar nicht vorkam. Ich hatte sie gerade aus dem Stegreif erfunden. Diese Art des Nichtgelesenhabens ist lobenswert und erfreut den Autor vor allem dann, wenn sie mit dem tantiementrächtigen Kauf eines Buches (vorzugsweise Hardcover) verbunden ist.

b) die gebildete Vortäuschung:
„Ulysses“, „A la recherche du temps perdu“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“. Im kultur-elitären Diskurs ist es üblich, zumindest einmal pro Gespräch oder Kritik eines dieser drei Werke als Vergleichsgrösse anzuführen. Dabei spielt es keine Rolle, wenn man von den drei Büchern nicht mehr weiss, als dass in dem einen furchtbar komplizierte Wortspiele gemacht und in dem andern Madeleines gegessen werden. (Was immer das sein mag.) Ach ja, und natürlich, dass Robert Musil kein österreichischer Fussballer ist. Ich habe bisher noch niemanden getroffen, der alle drei Bücher wirklich gelesen hätte. Aber sie machen sich im Gespräch ebenso gut wie im Regal.

c) die journalistische Vortäuschung:
Es gibt Bücher, über die kann man als Journalist schreiben – und als Zeitungsleser fachkundig reden –, obwohl man nicht mehr von ihnen gelesen hat als einen einzelnen Kernsatz. Und den hat wahrscheinlich ein Journalistenkollege aus dem Klappentext zitiert. Eva Hermanns Bücher gehören zu dieser Kategorie. Niemand liest sie, aber jeder weiss, dass darin die Forderung aufgestellt wird: „Frauen zurück an den Herd!“ Aber vielleicht muss man solche Bücher wirklich nicht lesen. Sonst ist man dann hinterher selber auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 4. November 2007,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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