Glosse des Monats November 2008

Beim Schreiben ist es wie bei der Prostitution. Zuerst macht man es aus Liebe, dann für ein paar Freunde und schließlich für Geld.
Jean-Baptiste Molière


Na, Süsser? So ganz allein? Wie wär’s mit ein bisschen Spass haben? Ein bisschen Lesi-Lesi machen? Wie hast du es denn gern? Klassisch? Modern? Postmodern? Ich bin für alles zu haben. Bei mir ist der Kunde König. Wer liest, geniesst. Sag mir, wie du es haben willst, und ich schreib dir das. Tabulos. Gegen einen kleinen Aufpreis auch gern ohne Grammatik. Es wird schon nichts passieren. Kostet natürlich eine Kleinigkeit, aber umsonst ist der Tod. Und noch nicht mal der, wenn du ihn wirklich dramatisch geschildert haben willst. Mit tiefschwarzen Adjektiven.

Oder bist du mehr der Happy End-Typ? Hand in Hand der Sonne entgegen, unter dem glücklichen Gezwitscher der Ausrufezeichen? Kannst du bei mir alles kriegen. Metaphern? Ob ich mich auch mit Metaphern auskenne? Hör zu, Süsser, ich hab ein Kamel schon Wüstenschiff genannt, da konntest du noch nicht mal Synekdoche von Metonymie unterscheiden. Ich mach dir jede sprachliche Verrenkung mit, auch die schwierigste. Auf Wunsch auch in Fremdsprachen. Ich bin zwar nicht mehr ganz so jung wie früher, aber mein Wahlspruch lautet immer noch: „Ein bisschen Latein ist immer fein.“ Gut nicht?
Du lachst ja gar nicht, Süsser. Hast du’s nicht so mit dem Humor? Überhaupt keine Lust auf ein kleines Wortspielchen mit mir? Dabei entspannt nichts so schön wie ein bisschen Scherz, Satire, Ironie. Frisch vom Grabbe-Tisch. Die tiefere Bedeutung können wir ja weglassen, wenn du das nicht magst.
Gar kein Humor? Wie du willst, mein Schatz. Wenn die Kohle stimmt, mach ich auch gern einen auf seriös. Wie wär’s mit einem kleinen Essay über den Untergang der westlichen Kultur? Ich schreib dir auch so viele Fremdworte rein, dass du beim Lesen glatt denkst, du wärst ein Phil-Einser. Und Nebensätze, in denen man sich verlaufen kann.

Nein? Du bist aber ein schwieriger Kunde, mein Süsser. Stehst du etwa auf Sado-Maso? Leiden beim Lesen? Da bist du bei mir an der richtigen Adresse. Ich mach dir einen Text, der liest sich so wie Dieter Bohlen spricht.
Auch nicht? Dann hau doch ab, du unliterarischer Spiesser! Schau du lieber Reality-TV! Aber verschwinde aus meinem Revier. Du hältst mir die Kunden ab. Da kommt schon der nächste. Na, Süsser? Lust auf ein bisschen Lesi-Lesi?


Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. November 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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