Glosse des Monats Dezember 2007, I

Ich weiss nicht, mein Herr, ob Bacon Shakespeares Werke geschrieben hat, aber ich meine: wenn nicht, hat er die Chance seines Lebens verpasst.

James Matthew Barrie


Eine halbe Bibliothek könnte man mit den dicken Büchern füllen, in denen gelehrte Autoren nachzuweisen versuchen, dass es nie einen Schwan vom Avon gegeben hat, sondern nur ein hässliches Entlein, das sich mit falschen Federn schmückte. In Wirklichkeit stammen seine Werke nämlich (nicht Gewünschtes bitte durchstreichen) von Francis Bacon, dem Earl of Oxford, Sir Walter Raleigh, Christopher Marlowe oder gleich von Elisabeth I. Und wenn wir schon dabei sind: Sie wissen natürlich, dass Marlowe in Wirklichkeit Eli sabeths unehelicher Sohn war? Und sein Tod in einer Kneipenschlägerei nur vorgetäuscht? Wussten Sie nicht? Sie lesen einfach die falschen Bücher.
Im Visier der Fahnder nach dem wirklichen Shakespeare ist jetzt ein neuer Verdächtiger aufgetaucht. Er heisst Sir Fulke Greville, trug neben vielen anderen Titeln auch den eines Recorder of Stratford und soll einmal zu seinem Sekretär gesagt haben, er sei der „Master of Shakespeare“. Natürlich ist auch zu dieser Theorie wieder ein dickes Buch erschienen, das schon auf dem Umschlag androht, es sei nur Band eins einer geplanten Reihe. Halten Sie in Ihrer Bibliothek also schon mal Platz frei.
Man könnte das neue Werk zu den übrigen legen und sich mit dem alten Bonmot begnügen, wonach Shakespeares Werke nicht von Shakespeare geschrieben wurden, sondern von einem anderen Mann gleichen Namens. Aber mich hat dieses jüngste Gerücht auf eine ganz andere Idee gebracht. Wie wäre es, wenn wir die Suche nach den wahren Autoren irgendwelcher Werke endlich aus der elisabethanischen Vergangenheit in die Gegenwart transportierten, und uns bei jedem zeitgenössischen Buch die Frage stellten: wer hat das eigentlich wirklich geschrieben? Das müsste doch ein vergnügliches intellektuelles Phantasy-Spiel ergeben. Bei manchen literarischen Produkten ist die Sache leicht. Matthias Ackerets Blocher-Prinzip ist natürlich in Wirklichkeit von Christoph Mörgeli verfasst worden und Erich von Dänikens sämtliche Werke von einem kleinen grünen Männchen. Aber ist Franz Hohler in Wirklichkeit Peter Bichsel? Und wer ist tatsächlich als Hape Kerkeling verkleidet nach Santiago di Compostela gewandert? Der Bestseller-Titel Ich bin dann mal weg ist doch ein überzeugender Beweis, dass er es nicht selber war. Mindestens so überzeugend wie die neusten Argumente der Shakespeare-Bezweifler.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 2.Dezember 2007,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
© Copyright 2006 Charles Lewinsky, alle Rechte vorbehalten.