Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und
kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.
Hermann Hesse
Und wer will schon arm wirken, wenn er sich gerade für ein paar Millionen
ein Penthouse mit Blick auf den Central Park gekauft hat? Also müssen Bücher
her. Und zwar solche, die zur Einrichtung passen. Man muss die Dinger ja
nicht auch noch lesen.
Zum Glück gibt es in New York den Strand Bookstore, der in seinem Firmenlogo
stolz verkündet, dass er achtzehn Regalmeilen bedrucktes Papier im Angebot
hat. Man kann sich dort als passionierter Leser bestimmt sehr angenehm
verlaufen. Aber der Laden bietet auch einen perfekten Service für den
analphabetischen Bücherkäufer: Books by the Foot. Bücher am laufenden Meter.
Lieferung innerhalb von vierundzwanzig Stunden garantiert. Falls sich schon
für morgen Abend der Journalist angesagt hat, den sie mit dem hohen
kulturellen Standard Ihrer Bibliothek beeindrucken wollen.
Die Preise sind – verglichen mit dem Kaufpreis für ein Duplex im Trump Tower
– sehr bescheiden. Einen Meter Kunstbände etwa gibt es schon für 750 Dollar.
Und Ihre Gäste werden glauben, dass Sie einen Modigliani von einem Maserati
unterscheiden können.
Wenn Sie sogar 1200 Dollar pro Meter anlegen können, kriegen Sie etwas noch
Beeindruckenderes: Bücher mit echten Lederrücken. Klassiker im Nerz
gewissermassen. Glauben Sie mir: Das macht noch mehr her als ein Zwergpudel
mit Stammbaum.
Ein kleiner Tipp für Sparsame: Kunstleder kostet fünfmal weniger. Und wird
doch, wie der Strand Bookstore versichert, von den meisten Leuten für echt
gehalten. Genau so wie Ihr literarisches Interesse.
Was in den Büchern drinsteht, ist nicht so wichtig. Die Farbe schon eher.
Man will es sich ja nicht mit seinem Innenarchitekten verderben. Der ist für
die imagebewusste Millionärsgattin schließlich fast so unentbehrlich wie ein
angesagter Friseur und ein diskreter Schönheitschirurg. Der Laden nimmt
darauf Rücksicht. Gegen einen entsprechenden Aufschlag können Sie die Farbe
Ihrer neuen Bücher bestimmen. James Joyce Ton in Ton mit dem Designer-Sofa.
Und das wiederum eröffnet für die Literatur ganz neue Perspektiven. Ich sehe
schon vor mir, wie ich beim nächsten Buch mit meinem Verleger (Hallo, Dirk!)
nicht mehr über Inhalte debattiere, sondern nur noch über die Farbe des
Schutzumschlags. Damit wir endlich auch in den USA den Durchbruch schaffen.
Azur soll im neuen Jahr sehr in sein.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30.Dezember 2007,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
