Glosse des Monats Dezember 2008, II

Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.

Hermann Hesse


Und wer will schon arm wirken, wenn er sich gerade für ein paar Millionen ein Penthouse mit Blick auf den Central Park gekauft hat? Also müssen Bücher her. Und zwar solche, die zur Einrichtung passen. Man muss die Dinger ja nicht auch noch lesen.
Zum Glück gibt es in New York den Strand Bookstore, der in seinem Firmenlogo stolz verkündet, dass er achtzehn Regalmeilen bedrucktes Papier im Angebot hat. Man kann sich dort als passionierter Leser bestimmt sehr angenehm verlaufen. Aber der Laden bietet auch einen perfekten Service für den analphabetischen Bücherkäufer: Books by the Foot. Bücher am laufenden Meter. Lieferung innerhalb von vierundzwanzig Stunden garantiert. Falls sich schon für morgen Abend der Journalist angesagt hat, den sie mit dem hohen kulturellen Standard Ihrer Bibliothek beeindrucken wollen.
Die Preise sind – verglichen mit dem Kaufpreis für ein Duplex im Trump Tower – sehr bescheiden. Einen Meter Kunstbände etwa gibt es schon für 750 Dollar. Und Ihre Gäste werden glauben, dass Sie einen Modigliani von einem Maserati unterscheiden können.
Wenn Sie sogar 1200 Dollar pro Meter anlegen können, kriegen Sie etwas noch Beeindruckenderes: Bücher mit echten Lederrücken. Klassiker im Nerz gewissermassen. Glauben Sie mir: Das macht noch mehr her als ein Zwergpudel mit Stammbaum.
Ein kleiner Tipp für Sparsame: Kunstleder kostet fünfmal weniger. Und wird doch, wie der Strand Bookstore versichert, von den meisten Leuten für echt gehalten. Genau so wie Ihr literarisches Interesse.
Was in den Büchern drinsteht, ist nicht so wichtig. Die Farbe schon eher. Man will es sich ja nicht mit seinem Innenarchitekten verderben. Der ist für die imagebewusste Millionärsgattin schließlich fast so unentbehrlich wie ein angesagter Friseur und ein diskreter Schönheitschirurg. Der Laden nimmt darauf Rücksicht. Gegen einen entsprechenden Aufschlag können Sie die Farbe Ihrer neuen Bücher bestimmen. James Joyce Ton in Ton mit dem Designer-Sofa.
Und das wiederum eröffnet für die Literatur ganz neue Perspektiven. Ich sehe schon vor mir, wie ich beim nächsten Buch mit meinem Verleger (Hallo, Dirk!) nicht mehr über Inhalte debattiere, sondern nur noch über die Farbe des Schutzumschlags. Damit wir endlich auch in den USA den Durchbruch schaffen.
Azur soll im neuen Jahr sehr in sein.

Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30.Dezember 2007,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«


Letzte Aktualisierung: Januar 2007
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