Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.
Kurt Marti
Für Buchhändler ist Weihnachten wie Weihnachten. Kaum werden in den Strassen
die ersten Adventsbeleuchtungen eingeschaltet, glätten sich die
berufsbedingten Falten auf ihren Stirnen, sie sagen nicht mehr in jedem
zweiten Satz „Ja, wenn wir die Buchpreisbindung noch hätten“, und kurz nach
Nikolaus habe ich einen leibhaftigen Buchhändler sogar singen hören. „Süsser
die Kassen nie klingen“, sang er hingebungsvoll, musste aber nach wenigen
Takten schon wieder aufhören, weil es einen Kunden zu bedienen galt. Der
wollte einem Geschäftspartner zu Weihnachten ein Buch unter den Baum legen,
„nicht zu dünn, damit es ein bisschen was hermacht, Inhalt egal, nur keine
Liebesgeschichte bitte, seine Frau ist ihm nämlich gerade erst
davongelaufen. Und als Geschenk einpacken, wenn Sie so gut sein wollen.“
Im Dezember sind die Buchhandlungen fast so voll wie die Delikatessenläden.
Denn wenn einem gar kein Weihnachtsgeschenk mehr einfällt, gehen drei Sachen
immer: Krawatten für Männer, Parfums für Frauen und Bücher für alle beide.
Erstens ist bedrucktes Papier schön viereckig und lässt sich deshalb gut
verpacken. Und zweitens macht so ein Schinken von Adolf Muschg einfach mehr
her als einer aus Parma.
Das Problem ist nur: Nach dem 24. Dezember stehen eine Menge derart
Beglückter vor dem Problem, was sie mit diesem komischen Ding mit den vielen
Buchstaben denn nun eigentlich anfangen sollen. Denn nicht jeder Mensch, der
ein Buch geschenkt kriegt, ist auch ein Leser. Und jemand, der für die
Lektüre von „20 Minuten“ tatsächlich zwanzig Minuten braucht, ist mit einem
buchpreisgekrönten Rolf Lappert wahrscheinlich überfordert. (Ein bisschen
Schleichwerbung sei mir erlaubt: „Nach Hause schwimmen“ ist ein wunderbarer
Roman, den Sie auf keinen Fall versäumen sollten.)
Was tut man als Nichtleser mit einem geschenkten Buch? Hier, als service
publique der NZZ am Sonntag, drei praktische Rat schläge.
1. Bücher – vor allem wenn sie nicht zu dick sind – eignen sich bestens zum
Unterlegen wackliger Tische.
2. Auch zum Offenhalten von Türen oder Fenstern sind Bücher ideal.
3. Wer mehrere davon besitzt, kann sie sogar als Bügeleisenersatz benutzen.
Goethes Werke, strategisch platziert, erneuern über Nacht jede Bügelfalte.
Man kann Bücher natürlich auch lesen. Aber man soll ja nicht immer gleich
zum Äussersten schreiten.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Dezember 2008,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
