Fürchtet euch nicht, ich bin es
Nein, diese Zeichnung stellt nicht, wie mein Sohn behauptet, den berühmten Revolutionär Mao Tse Winsky dar, sondern mich. Sie erschien in der Literaturbeilage des holländischen „Het Parool“, als Illustration zu einem Artikel, in dem ich versuchte, meine Eindrücke von der Stadt Amsterdam zu schildern. Eine wunderschöne Stadt übrigens, und das nicht nur, weil die Buchhandlungen dort die holländische Ausgabe von „Melnitz“ so fleissig verkaufen.
(Zeichnung Kristof Luyckx / Shop Around)
Glosse des Monats
Über Plagiatoren soll man nicht allzu hart urteilen. Es kann durchaus ein Milderungsgrund sein, dass ihre Einfälle nicht von ihnen stammen.
George Bernard Shaw
Helene Hegemann hat abgeschrieben, und das ist ja auch nicht weiter schlimm. Letzten Endes kommt es doch nur darauf an, ob sie ein gutes Buch geschrieben hat oder nicht. Und man hätte es ja ahnen können. Schliesslich kommt schon im Titel ihres gerade für den Leipziger Buchpreis nominierten Buches der „Roadkill“ vor, jenes zufällig überfahrene Tier, das so mancher Fahrer mit nach Hause nimmt, um sein eigenes Süppchen daraus zu kochen.
Schlimm ist nur, was sie bei manchen Kritikern damit angerichtet hat. Beim Versuch zu erklären, warum das allgemein gepriesene Meisterwerk durch das Copy-paste-Verfahren der Jungautorin nicht etwa fragwürdigerer, sondern im Gegenteil noch viel meisterwerkiger geworden sei, haben sich nämlich manche Mitglieder dieser exklusiven Gilde das kritische Rückgrat verrenkt. Und das muss doch wehtun.
Den schönsten Satz fand ich in einer deutschen Wochenzeitung von anerkannter Journalistizität. (So ein Wort gibt es nicht, meinen Sie? Sie werden sich wundern.) „So komisch es klingt“, stand da, „die Literarizität von Helene Hegemanns Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab.“ Die Feststellung ist, mit Verlaub, nicht komisch, sondern nur lächerlich. Und zwar nicht nur wegen ihrer sprachlichen Blödizität.
Wenn man den Satz ernst nähme, hiesse er nämlich ins Deutsche übersetzt: „Der Roman ist besser geworden, weil die Autorin so viel abgeschrieben hat.“ Was logischerweise bedeuten würde: Er wäre noch viel besser geworden, wenn sie noch mehr abgeschrieben hätte. Und am allerbesten, wenn sie bei „Projekt Gutenberg“ gleich einen ganzen fremden Roman eingescannt und unter eigenem Namen publiziert hätte. (Wenn es darin auch um jugendlichen Gefühlsüberschwang gehen soll, würde ich „Die Leiden des jungen Werther“ vorschlagen.)
Nein, ich finde es wirklich nicht weiter schlimm, das Helene Hegemann abgekupfert hat. In ihrem Alter haben wir das in der Schule alle getan. Aber man sollte sich deswegen auch nicht beim kritischen Spagat das Urteilsvermögen verbiegen. So was kann zu chronischen Schäden führen.
PS:
Um auch dieser Glosse eine Prise der neuerdings angesagten Abschreibizität zu verleihen, hier noch ein abgeschriebener alter Witz-Dialog.
„Sie sind Schriftsteller?“
„Ja, ich schreibe ab und zu.“
„Auch zu?“
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Februar 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
Rezept gefällig?
Der „Beobachter“ lebt, wie so viele andere Zeitschriften, im Irrglauben, dass Promis alles können – also auch kochen. Folglich hat er mich für die entsprechende Rubrik um mein bestes Rezept gebeten. Und das möchte ich den Besuchern meiner Homepage nicht vorenthalten. Guten Appetit!
Gefülltes Perlhuhn «Lewinsky»
Zutaten für 4 Personen:
1 Perlhuhn
für die Füllung:
6 Schalotten,
5 Knoblauchzehen,
frische Kräuter (Rosmarin, Salbei, Schnittlauch),
12 entsteinte Datteln,
2 Deziliter Noilly-Prat,
2 Esslöffel Olivenöl,
Salz, Pfeffer,
2 Teelöffel Schwarzkümmel,
1 Prise Lebkuchengewürz,
1 Prise Kardamom,
1 Teelöffel Chilipfeffer,
1 Hand voll schwarze Pfefferkörner;
als Beilage:
Bohnen
Zubereitung der Füllung:
Die Schalotten, den Knoblauch, alle Kräuter und die Datteln fein hacken und in eine Schüssel geben.
Die Hälfte des Noilly-Prat, das Olivenöl und die Gewürze daruntermischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Weiteres Vorgehen:
Zwei Drittel der Mischung in den Bauch des Perlhuhns füllen.
Mit dem Rest das Huhn aussen einreiben.
In einen Bratbeutel legen. Die zweite Hälfte des Noilly-Prat sowie die Pfefferkörner dazugeben.
Den Beutel zubinden und mit einer Stecknadel oben einige Male einstechen.
In den auf 200 Grad vorgeheizten Ofen geben und 15 Minuten anbraten.
Die Hitze auf 60 Grad reduzieren und das Perlhuhn mindestens weitere drei Stunden garen.
Unterdessen die Bohnen blanchieren und beiseite stellen.
Vor dem Servieren den Bratbeutel öffnen, die Sauce in einer Pfanne auffangen und die Bohnen kurz darin aufkochen.
Melnitz: das Orginal
Er hat tatsächlich existiert. Er hiess ursprünglich Kurt und später dann, als er in Amerika Karriere machte, Curtis. Und dieser Curtis Melnitz war in den frühen dreißiger Jahren Europachef von United Artists und in Filmkreisen ein wichtiger und einflussreicher Mann. Auf dem Foto ist er (links) gerade dabei, einen Filmvertrag mit Max Reinhardt zu unterzeichnen. Und schaut deshalb furchtbar stolz in die Kamera.
Dieser Curtis Melnitz war ein entfernter Verwandter meiner Großeltern väterlicherseits (wie, wenn wir schon bei Hollywood sind, auf der andern Familienseite der Regisseur William Wyler), und als ich ein kleiner Junge war, erzählte mir meine Oma, er sei irgendwann nach der Machtübernahme Hitlers bei ihnen in Leipzig vorgefahren und habe ihnen dringend geraten, Deutschland zu verlassen. Ich weiß nicht, wie viel Wahrheitsgehalt diese Geschichte hat, manche Details erschienen mir immer recht unglaubwürdig. Zum Beispiel, dass er in zwei Autos unterwegs gewesen sei, eins für ihn und ein zweites für seine Sekretärin. Aber eines weiß ich ganz bestimmt: Diese großmütterliche Erzählung war der erste Anstoß zu einer Figur, die mehr als ein halbes Jahrhundert später einem Roman seinen Namen geben sollte. Manchmal dauert’s eben etwas länger.
„Melnitz“ und mein Großvater
Als ich mir beim Schreiben des Romans die Fahnenweihe des Jüdischen Turnvereins im Jahre 1913 ausmalte, stellte ich mir einen Fahnenträger vor, der mit Schärpe und Hut äußerst würdig, aber auch ein ganz klein wenig lächerlich aussehen sollte. Ich sah ihn stolz und ein bisschen verlegen vor der versammelten Festgemeinde stehen, der Wichtigkeit seiner Funktion eingedenk und doch insgeheim von der Frage geplagt, ob er in dieser Verkleidung nicht einfach nur doof aussah.
Und dann – das Buch war längst erschienen – fand ich beim Räumen einer Wohnung ein Foto dieser Fahnenweihe,
so wie sie tatsächlich stattgefunden hatte. Und der Fahnenträger, das sah ich auf den ersten Blick, war mein Großvater, Samuel Bloch!
Da habe ich immer voller Überzeugung bekräftigt, alle Figuren in „Melnitz“ seien erfunden und mit mir weder verwandt noch verschwägert. Und dann mischt sich mein eigener Großvater in die Geschichte ein.
Aber gut sah er aus, finden Sie nicht auch? Äußerst würdig und nur ein ganz, ganz kleines bisschen lächerlich.
Was man im Internet nicht so alles findet…
Jeder Mensch, der neugierig ist – und ich bin sehr neugierig – googelt regelmäßig den eigenen Namen. Und da findet er dann die seltsamsten Dinge. In der New York Times vom 4. April 1884 (also in den ganz frühen Tagen des Internets…) habe ich einen Artikel über einen Namensvetter von mir entdeckt, den man glatt zur Grundlage eines Romans machen müsste. Oder zumindest einer Kurzgeschichte. Oder vielleicht packe ich ihn doch lieber nur auf meine Website, damit Sie sich mit mir amüsieren können. Hier ist er:

