Fürchtet euch nicht, ich bin es
Nein, diese Zeichnung stellt nicht, wie mein Sohn behauptet, den berühmten Revolutionär Mao Tse Winsky dar, sondern mich. Sie erschien in der Literaturbeilage des holländischen „Het Parool“, als Illustration zu einem Artikel, in dem ich versuchte, meine Eindrücke von der Stadt Amsterdam zu schildern. Eine wunderschöne Stadt übrigens, und das nicht nur, weil die Buchhandlungen dort die holländische Ausgabe von „Melnitz“ so fleissig verkaufen.
(Zeichnung Kristof Luyckx / Shop Around)
Glosse des Monats
Ein Roman ist ein Roman, wie ein Pudding ein Pudding ist. Bei beiden besteht die Aufgabe darin, sie so zu zuzubereiten, dass sie gern verzehrt werden.
Henry James
Man nehme, je nach geplantem Buchumfang, drei bis sieben gut abgehangene Charaktere, vorzugsweise aus eigener Jagd in freier Wildbahn. Sollten Sie wegen anderweitiger Verpflichtungen wie Lesungen und Autogrammstunden zum selber Jagen –oder, wie der Fachmann das nennt: Erleben – keine Zeit haben, so ist das auch nicht weiter schlimm. Sie können bei der Besorgung Ihrer Protagonisten selbstverständlich auch auf Konserven zurückgreifen, wobei sich die grossen Marken wie Homer oder Shake speare schon bei vielen Literaturköchen bewährt haben. Falls Ihren Charakteren die Wiederverwertung allzu deutlich anzumerken ist, empfiehlt es sich, stilistisch entsprechend kräftiger zu würzen.
(In alten Kochbüchern wird oft auch noch eine so genannte Handlung als unabdingbarer Bestandteil jedes Buches genannt. In der modernen Küche sieht man das nicht mehr so eng.)
Ganz wichtig ist aber die Wahl des richtigen Gefässes für Ihr Menu. Wenn Sie sich für ein zu grosses Format entscheiden, besteht die Gefahr, dass ihre Figuren allzu sehr ausgekocht werden müssen und entsprechend blutleer werden. Merke: eine prägnant angerichtete Kurzgeschichte mundet oft besser als ein mit zuviel Wortsauce gestreckter Roman.
Bevor Sie die Figuren in das ausgewählte Gefäss packen, sollten diese in der gewünschten Duftnote mariniert werden. Die beliebteste Geschmackrichtung ist nach wie vor Liebe (in jedem guten Arztroman erhältlich), aber auch Weltschmerz, Tragik oder junges Glück werden immer wieder gern genommen. Wenn sie eine grössere Zahl von Kunden verpflegen wollen, ist es in der Regel ratsam, auf allzu pikante Gewürze wie Zynismus oder Pornografie zu verzichten.
Hacken Sie das Ganze in nicht allzu lange Sätze, weil diese ungeübten Lesern beim Verzehr oft Probleme bereiten. In Ihrer persönlichen Stil-Bouillon sautieren und bei mittlerer Hitze gar kochen. (Allzu grosses Feuer ist nur bei Abenteuerromanen und Biographien von Brandstiftern zu empfehlen.)
Und dann: rühren, rühren, rühren. Denken Sie immer an die Devise der Meisterköchin Hedwig Courths-Mahler: „Zuviel Rührung kann es gar nicht geben.“
Das fertige Buch mit einem gut gestalteten Umschlag und ein paar hübschen Klappentexten garnieren und rechtzeitig vor der Buchmesse servieren.
Auf gutes Gelingen!
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 31. Januar 2010,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
Rezept gefällig?
Der „Beobachter“ lebt, wie so viele andere Zeitschriften, im Irrglauben, dass Promis alles können – also auch kochen. Folglich hat er mich für die entsprechende Rubrik um mein bestes Rezept gebeten. Und das möchte ich den Besuchern meiner Homepage nicht vorenthalten. Guten Appetit!
Gefülltes Perlhuhn «Lewinsky»
Zutaten für 4 Personen:
1 Perlhuhn
für die Füllung:
6 Schalotten,
5 Knoblauchzehen,
frische Kräuter (Rosmarin, Salbei, Schnittlauch),
12 entsteinte Datteln,
2 Deziliter Noilly-Prat,
2 Esslöffel Olivenöl,
Salz, Pfeffer,
2 Teelöffel Schwarzkümmel,
1 Prise Lebkuchengewürz,
1 Prise Kardamom,
1 Teelöffel Chilipfeffer,
1 Hand voll schwarze Pfefferkörner;
als Beilage:
Bohnen
Zubereitung der Füllung:
Die Schalotten, den Knoblauch, alle Kräuter und die Datteln fein hacken und in eine Schüssel geben.
Die Hälfte des Noilly-Prat, das Olivenöl und die Gewürze daruntermischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Weiteres Vorgehen:
Zwei Drittel der Mischung in den Bauch des Perlhuhns füllen.
Mit dem Rest das Huhn aussen einreiben.
In einen Bratbeutel legen. Die zweite Hälfte des Noilly-Prat sowie die Pfefferkörner dazugeben.
Den Beutel zubinden und mit einer Stecknadel oben einige Male einstechen.
In den auf 200 Grad vorgeheizten Ofen geben und 15 Minuten anbraten.
Die Hitze auf 60 Grad reduzieren und das Perlhuhn mindestens weitere drei Stunden garen.
Unterdessen die Bohnen blanchieren und beiseite stellen.
Vor dem Servieren den Bratbeutel öffnen, die Sauce in einer Pfanne auffangen und die Bohnen kurz darin aufkochen.
Melnitz: das Orginal
Er hat tatsächlich existiert. Er hiess ursprünglich Kurt und später dann, als er in Amerika Karriere machte, Curtis. Und dieser Curtis Melnitz war in den frühen dreißiger Jahren Europachef von United Artists und in Filmkreisen ein wichtiger und einflussreicher Mann. Auf dem Foto ist er (links) gerade dabei, einen Filmvertrag mit Max Reinhardt zu unterzeichnen. Und schaut deshalb furchtbar stolz in die Kamera.
Dieser Curtis Melnitz war ein entfernter Verwandter meiner Großeltern väterlicherseits (wie, wenn wir schon bei Hollywood sind, auf der andern Familienseite der Regisseur William Wyler), und als ich ein kleiner Junge war, erzählte mir meine Oma, er sei irgendwann nach der Machtübernahme Hitlers bei ihnen in Leipzig vorgefahren und habe ihnen dringend geraten, Deutschland zu verlassen. Ich weiß nicht, wie viel Wahrheitsgehalt diese Geschichte hat, manche Details erschienen mir immer recht unglaubwürdig. Zum Beispiel, dass er in zwei Autos unterwegs gewesen sei, eins für ihn und ein zweites für seine Sekretärin. Aber eines weiß ich ganz bestimmt: Diese großmütterliche Erzählung war der erste Anstoß zu einer Figur, die mehr als ein halbes Jahrhundert später einem Roman seinen Namen geben sollte. Manchmal dauert’s eben etwas länger.
„Melnitz“ und mein Großvater
Als ich mir beim Schreiben des Romans die Fahnenweihe des Jüdischen Turnvereins im Jahre 1913 ausmalte, stellte ich mir einen Fahnenträger vor, der mit Schärpe und Hut äußerst würdig, aber auch ein ganz klein wenig lächerlich aussehen sollte. Ich sah ihn stolz und ein bisschen verlegen vor der versammelten Festgemeinde stehen, der Wichtigkeit seiner Funktion eingedenk und doch insgeheim von der Frage geplagt, ob er in dieser Verkleidung nicht einfach nur doof aussah.
Und dann – das Buch war längst erschienen – fand ich beim Räumen einer Wohnung ein Foto dieser Fahnenweihe,
so wie sie tatsächlich stattgefunden hatte. Und der Fahnenträger, das sah ich auf den ersten Blick, war mein Großvater, Samuel Bloch!
Da habe ich immer voller Überzeugung bekräftigt, alle Figuren in „Melnitz“ seien erfunden und mit mir weder verwandt noch verschwägert. Und dann mischt sich mein eigener Großvater in die Geschichte ein.
Aber gut sah er aus, finden Sie nicht auch? Äußerst würdig und nur ein ganz, ganz kleines bisschen lächerlich.
Was man im Internet nicht so alles findet…
Jeder Mensch, der neugierig ist – und ich bin sehr neugierig – googelt regelmäßig den eigenen Namen. Und da findet er dann die seltsamsten Dinge. In der New York Times vom 4. April 1884 (also in den ganz frühen Tagen des Internets…) habe ich einen Artikel über einen Namensvetter von mir entdeckt, den man glatt zur Grundlage eines Romans machen müsste. Oder zumindest einer Kurzgeschichte. Oder vielleicht packe ich ihn doch lieber nur auf meine Website, damit Sie sich mit mir amüsieren können. Hier ist er:

